Mittwoch, 28. Dezember 2011

Drachenschuppen und Schachtelhalm

Eher beiläufig kam letztens das Thema Stricken zur Sprache. Ich erwähnte, dass ich einen alten Pullover aufrebbeln würde, um etwas Neues daraus zu machen. "Welche Farbe?", wollte Frau Blaugrün wissen. Den Braten nicht riechend antwortete ich: "Beige."

Das ginge ja gar nicht. Ob ich nicht was Blaues hätte zum Aufrebbeln. "Und mach Fotos!" So von wegen neuem Gastbeitrag. Das nenne ich mal den Zaunpfahl der begriffsstutzigen Frau Blu effektiv über den Kopf geknüppelt.

Damit Frau Blaugrün also nicht die farbliche Alleinunterhalterin zu geben braucht, wühlte ich im Fundus. Da gab es zwar noch was in Mitternachtsblau, aber so gern ich Mitternachtsblau trage: Für die Aran-Muster, die mir so vorschwebten, ist der Farbton ungeeignet. In Mitternachtsblau kommen sie nicht zur Geltung, da würde man sich ja ganz umsonst verkünsteln und sitzt am Ende da mit Knoten in den Pfoten, ohne dass jemand was davon hat. Ganz tief unten hatte ich aber noch zwei "frische" Knäuel Wolle in Grün – daraus ließ sich was machen. Es darf doch auch grün sein, gelle? Immerhin lässt es sich in Grün halbwegs anständig fotografieren.

Leider reichte die Wolle nicht für den irischen Seemannspullover, der mein Winterprojekt hätte werden sollen. Also wurde das Vorhaben aus redaktionellen Sachzwängen auf einen irischen Seemannskissenbezug beschränkt. Nach Maschenprobe und ein bisschen Mathematik stand die Anzahl der Maschen und Reihen fest, sodass ich die Muster zusammenstellen konnte.


Man mag nun einwenden, dass irische Seeleute auf ihren Kuttern wahrscheinlich die Kojen nicht mit Dekokissen ausstatten, aber je nu. Es ist auch kein echter Aran Tweed. Immerhin waren unter meinen Vorfahren ein paar Rheinfischer, das muss gelten.

Weil das Grün so grün ist, habe ich Muster gewählt, die Pflanzen repräsentieren. Natürlich darf das Irish Moss, ein doppeltes Perlmuster, hier nicht fehlen. Der Lebensbaum hat seinen Platz, sogar zweifach. Für das mittlere Panel habe ich mir etwas ausgesucht, das von seiner Designerin als "Buttercup" bezeichnet wird und bei mir die Waldlichtung mit Butterblumen darstellen soll. Das ist zwar kein traditionelles Aran-Muster, es ähnelt dem Honeycomb-Stitch, aber trägt nicht so dick auf, ist nicht so markant strukturiert und wahrscheinlich bequemer, wenn man das müde Haupt darauf bettet. (Und hinterlässt nicht so tiefe Abdrücke nach dem Mittagsschlaf.)


Die ersten acht Reihen ins Strickwerk hinein gab es noch nicht die Optik, die ich mir erhofft hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es am Farbton lag: zu dunkel, zu dominant? Oder die Nadeln zu stark und damit die Maschen zu locker? Dünner durften die Maschen aber auf keinen Fall sein, ich brauche immer einen Millimeter mehr als angegeben, sonst gerät mir das Werk zu fest. Am Ende hätte ich dann ein Kuschelbrett anstatt einem Kuschelkissen. Ich erinnerte mich jedoch an einen früheren Pullover: Da hatte ich auch nicht geglaubt, dass aus dem Muster noch etwas wird, und es ist nachher doch ganz gut geraten. Also: tapfer weiter. Auch, wenn die sogenannten Butterblumen aussehen wie Drachenschuppen und der Lebensbaum mehr wie Schachtelhalm.

Die größte Schwierigkeit war allerdings, Wolle, Nadeln und Hilfsnadeln so ausbalanciert zu handhaben, dass ein Überraschungsangriff des Katers keine bleibenden Schäden sowohl am Kissenbezug als an der Strickerin als auch am unausgelasteten Hausgenossen hinterlässt. Doch ich muss wohl damit leben, dass Katzenhaare als "Naturfaser" das Garn bereichern. Leider ist die Katze nicht grün. Die Fusseln wenigstens als Anteil an Mohair auszugeben fällt damit flach.

Immerhin gelang es mir in recht kurzer Zeit, die drei Muster zu verinnerlichen, sodass ich nicht immer wieder in die Anleitung spingsen musste. Nebenher einen spannenden Krimi im Fernsehen anschauen, das ging allerdings nicht. Sonst wäre das Dokumentationsbild nur noch mit "gestricktes Unkraut" zu untertiteln gewesen.

Aber ich hab's geschafft, hier ist das fertige Kissen in artgerechter Haltung.


Jetzt geht’s dann wirklich wollemäßig weiter in Beige. Das passt zwar hier nicht mehr ins Bild, hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Die Katzenhaare fallen nicht so auf.

© Fotos: Nel Blu

Nel Blu
Über die Gastautorin:

Nel Blu stammt aus dem Lebens- und Kulturkreis der Alemannen, auch wenn durch einen preußischen Opa das Oberrhein-Vollblut ein bisschen verwässert wurde. Sie liebt Buchstaben und Bilder und träumt davon, eines Tages den großen Roman zu verfassen. Da sie aber über jedes A ins Schwärmen gerät und darüber meist vergisst, B zu sagen, wird das noch eine Weile dauern.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Mittwoch, 30. November 2011

Im Weihnachtsmärchen

 Lachhaft

Wenn ich an Weihnachten denke, kommen mir zwei Farben in den Sinn: Das Grün von all den Tannenzweigen und das Rot von … nein, nicht vom Santa Claus aus der Coca-Cola-Werbung, sondern von den roten Plüschsitzen im ehrwürdigen Stadttheater, wo wir als Kinder das Weihnachtsmärchen besuchen durften.

Es gibt viele schöne Erinnerungen, die ich mit der Adventszeit verbinde: den Nikolausteller, die Weihnachtsbastelei und natürlich die Vorfreude auf die Geschenke. Doch zumindest in der Erinnerung haften geblieben ist mir das Weihnachtsmärchen als Bestes von allem. Die Exklusivität dieses denkwürdigen Ereignisses ließ sich so schnell von nichts anderem toppen.
In den vier Jahren, in denen ich zur Grundschule ging, sind wir jeden Dezember mit der gesamten Schulklasse ins Theater gefahren. Die Vorstellung war am Vormittag; ein Bus holte uns ab. Wir saßen auf dem Balkon, schön in der Mitte mit perfekter Sicht auf die Bühne. Vermutlich waren es die teuersten Plätze, die es gab. Unter uns, eine Etage tiefer, waberte ein Meer aus ebenso ungeduldigen Kindern von allen möglichen andern Schulen, deutlich hörbar im fließenden Gemurmel, aber dennoch brav auf Zurückhaltung getrimmt. Jeder Platz war besetzt.

Die Wartezeit, bis es endlich losgehen sollte, empfand ich als unerträglich: diese sonderbar anregende Atmosphäre aus Gold, Plüsch, Samt und erwachsener Erhabenheit auf der einen Seite und wir Knirpse dazwischen in unserer anachronistischen Vitalität, eingebrochen in eine Welt, in der wir sonst nichts verloren hatten, aber bereit, dem ganzen Spektakel unerschütterlich fest jede erdenkliche Vorschusslorbeere zu spenden: Es wird toll werden! Es wird toll werden! Es wird toll werden! Wenn es nur bloß endlich losgehen würde.

Im Zuschauerraum hing ein imposanter Kronleuchter von der Decke. Er war mehrstöckig mit allerlei Kristallgebimmel daran. In ein Rokoko-Schloss hätte er ebenso gut gepasst. Wenn es gongte als Zeichen, dass sich die Warterei endlich dem Ende zuneigte (insgesamt dreimal), ging gleichzeitig das Licht an diesem Leuchter aus, immer ein bisschen mehr, bis schließlich alles dunkel war und nur noch die Bühne existierte.

Der rote Samtvorhang schwebte zur Seite … meine Aufregung konnte sich endlich ein wenig legen.

Soweit ich mich erinnere, ist  damals „Peter Pan“ gegeben worden. „Die Eisprinzessin“ habe ich auch gesehen und „Die Bremer Stadtmusikanten“. An den vierten Titel entsinne ich mich nicht mehr. Dafür höre ich noch heute den entsetzten Aufschrei aus fünfhundert Kinderkehlen, wenn wir den Helden vor einer Gefahr warnten, damit ihm bloß nichts Schlimmes geschehen möge. Dass sich die Helden dabei aber, so beharrlich wie wir schrien, im gleichen Maße weigerten, unsere Warnungen zu befolgen, und mitten in die dümmsten Verstrickungen hineinliefen, ging regelmäßig in unserer Faszination unter. Wir lebten in diesem Augenblick mit Peter Pan, wir lebten mit dem Esel oder der kleinen Eisprinzessin, wenigstens für diese eine Stunde, versunken im Hier und Jetzt, ohne viel Abstraktion zum Geschehen, so wie es wahrscheinlich nur die Kindheit hervorzubringen schafft.

Man sieht es ja an mir: Diese Zeiten sind längst vorbei, bereits seit Jahrzehnten. Seitdem war ich öfter im Theater - als Erwachsene. Doch so aufregend wie damals im Weihnachtsmärchen ist es nie wieder gewesen.


Montag, 21. November 2011

Grün und kalt: Zuckerrohrsaft

Ich lebe im niedersächsischen Spargel- und Zuckerrübengürtel. Im Frühjahr sind allerorts die typisch aufgeworfenen Spargelfelder zu sehen, und im Spätherbst fahren die Trecker die Zuckerrüben zur Fabrik. Ein Teil der dunkelbraunen Klumpen bleibt allerdings auf den Landstraßen liegen, vom offenen Anhänger gerutscht. Wer Pech hat, neben einer Zuckerfabrik zu wohnen, wird sich freuen, wenn kurz vor Weihnachten die Kampagne endlich beendet ist, wenn die Schornsteine wieder schweigen und die Nase wieder geruchsneutrale Luft zu riechen kriegt. Dafür aber ist das Produkt lecker. Als Kind habe ich den Zuckerrübensirup geliebt. Ihr wisst schon, den im gelben Pappbecher. Am liebsten aufs Brötchen.

Wenn der Zucker also von der Rübe kommt, hat man mit einer andern Zuckerkultur nicht viele Berührungspunkte. In andern Gegenden, so beispielsweise in Lateinamerika, in Indien, Thailand oder Pakistan, wird der Zucker noch heute aus Zuckerrohr gewonnen. Wir kennen den Rum als weiteres Produkt aus diesem Fertigungsprozess. Man kann die Rohrstangen aber auch einfach nur auspressen, dann hat man frischen Saft zum Trinken. Oder man vergärt den Saft, dann wird Cachaça daraus, den man sich wiederum in den Limonensaft schütten kann, damit er den Namen Caipirinha verdient.

Zuckerrohr: ruurmo
Hier in Deutschland bekommt man nur die industriell gefertigten Produkte; man kauft die Flaschen aus dem Spirituosenregal. Aber habt ihr schon mal frisch gepressten Zuckerrohrsaft getrunken? Just im Augenblick hergestellt? Extra für euch?

Das ist ein Erlebnis, muss ich schon sagen - nicht nur für den Geschmack, sondern auch für andere Sinne. In meinem Fall trafen wir in Brasilien zum ersten Mal aufeinander.

In Südamerika gehört Zuckerrohrsaft zu den Erfrischungsgetränken wie bei uns Apfel- oder Traubensaft. In den Großstädten kann man sich dort an jeder Ecke ein Glas abfüllen lassen. Jede Saftbar bietet diesen Service, und oft geht es auch schneller, nämlich an einer der vielen Straßenbuden oder mobilen Ständen. Sie sind gut zu erkennen an den Holzstapeln auf der Rückseite. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Haufen als Zuckerrohstangen. Die Geräte, mit denen gearbeitet wird, sind oft primitiv, erfüllen aber ihren Zweck.

Bestellt man nun eine Portion Saft, muss zunächst einmal die Pressmaschine angeworfen werden. Der unbedarfte Tourist reagiert darauf  gern mit einem gehörigen Schrecken, denn diese Dinger machen einen Krach, dass einem die Ohren abfliegen. Je nach Ausführung, ob einfach oder luxuriös, geht der Grundton eher in Richtung Gartenhäcksler, Küchenmixer, Schrottpresse oder heiserer Kreissäge. Meist aber ist es ein Chor aus allem.

Zuckerrohrpresse: Dey
Dann heißt es, die Zuckerrohrstangen durch die Mangel zu quetschen. Auf dem Bild hier oben – es zeigt nicht Lateinamerika, sondern ein Geschäft in Indien – geschieht dies mit Hilfe einfacher Walzen und viel Handarbeit. Aus Brasilien kenne ich aber auch halbautomatische Pressmaschinen. Sie sehen aus wie ein kleiner quadratischer Ofen, verkleidet in jenem silbrigen Metall, so wie es in jeder Großküche zu finden ist. Im Dach sind die Walzen eingelassen. Dort schiebt man die Zuckerrohrstangen hinein. Sie rattern unsichtbar (aber, wie gesagt, mit einem Höllenlärm) durch den Kasten und kommen an der Seite wieder heraus. Auf der andern Kastenseite ist eine Aussparung eingearbeitet, worin das Glas steht. Dorthinein plörrt der frisch gewonnene Saft. Geduld muss man schon mitbringen, denn es geht nur rinnsalartig voran. Außerdem müssen die Zuckerrohrstangen mehrmals gepresst werden, viermal, fünfmal, sechsmal, bis ihnen der letzte Tropfen abgerungen ist und das Rohr nur noch aus platten Faserschläuchen besteht. Serviert wird der Zuckerrohrsaft mit Eiswürfeln.

Wenn dann endlich das Glas vor einem steht, kann man den nächsten Schreck bekommen: So sieht also der flüssige Inhalt der Zuckerrohrstangen aus? Graugrün und milchig? Dazu noch schaumig aufgewolkt von der Rüttelei? Nicht gerade appetitlich, wenn man mich fragt. Im Gegenteil, ich assoziiere diesen Grünton eher mit was Krankem. Andererseits: Frischer geht’s nicht; ich hatte ja zugeschaut. Alles 100 % reine Natur, nichts ist künstlich zugesetzt, kein Farbstoff, kein Geschmacksverstärker. Meine Begleitung machte obendrein auf den Gesundheitswert aufmerksam. Weil nichts zerkocht wurde, sind die Mineralien und Vitamine alle noch vorhanden. Zuckerrohrsaft ist reich an Calcium, Eisen und Magnesium.

Zuckerrohrsaft: seadevi
Natürlich habe ich mich überzeugen lassen und den Saft probiert. Und wie schmeckt er nun? Tja, wie soll ich es beschreiben? Eins jedenfalls hatte ich vorausgesetzt: dass er süß wäre. Ist er aber nicht. Zuckerrohrsaft schmeckt nicht süß, er schmeckt – man soll es nicht glauben – herb. Mit einem deutlichen und sehr eigenen Nachgeschmack. Ungewöhnlich. Interessant. Lehrreich.

Ich gebe es zu: Ich hatte kurz überlegt, Streuzucker in den Saft zu löffeln, um dem Herben die Strenge zu nehmen und damit sich meine Erwartung nach anständiger Süße doch noch erfüllen möge, aber dann dachte ich, nein, als Gast muss man sich unterordnen – oder sich geschlagen geben. Seitdem bin ich auf frischen Papayasaft umgestiegen. Ich habe damals den Zuckerrohr links liegen lassen, stattdessen so manches gastronomische Obstregal leergesüffelt. Papayasaft war und blieb mein Favorit. Doch das ist wieder eine andere Geschichte. Sie gehört unter die Überschrift: „Wie spart man sich im Urlaub auf einem Schlag Frühstück, Mittagessen und Abendbrot?“


Montag, 14. November 2011

Begonia Tamaya ... oder so ähnlich

Auf meinen Fensterbänken klickt es. Dann trifft eine abgefallene Blüte auf das Metallrost des Heizkörpers. Im Sommer ist es besonders schlimm, da die Blüten in dichten Trauben hängen und immer wieder Einzelteile herabprasseln. In der Nacht, wenn alles ruhig ist, kann man sich erschrecken.


Ich habe diese Pflanzen in jeder Größe, von 10 Zentimeter bis unter die Decke, und meine Decke ist 3,20 Meter hoch. Um ehrlich zu sein, im Augenblick wuchern mir die Dinger die Bude zu. Auf den Fensterbänken ist schon lange kein Platz mehr, also wurden Ikea-Beistelltischchen herbeigekarrt und davor gestellt. Weil dies aber auch nur begrenzte Erweiterung bietet und die Pflanzen obendrein in einem Tempo wachsen, als würden sie Geld dafür kriegen, müssen die kleinen Töpfe den mittleren weichen und die mittleren den großen. Inzwischen steht in der Küche ein Spalier vom Eingang bis zum Fenster, dicht an dicht, weiter hinten sogar in Dreierreihen. Mehr Platz kann ich beim besten Willen nicht herbeizaubern.

Ganz eindeutig geklärt habe ich bis heute nicht, was das eigentlich für Pflanzen sind, mit denen ich so generös meine Wohnung teile. Ich nenne sie Begonia Tamaya.

So niedlich klein bleiben sie nicht lange
Mit der Gattung der Begonien liege ich ganz sicher richtig, aber ob nun am Namensende „Tamaya“ korrekt ist oder doch eher ein „Lucerna“ dort hingehört, das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich verstehe nichts von Botanik; ich besitze ja noch nicht mal einen grünen Daumen. Im Gegenteil: Bisher haben noch alle Zimmerpflanzen (bis auf wenige Ausnahmen) den kollektiven Freitod gewählt, nur damit sie nicht ihr Leben in meiner Gesellschaft verbringen müssen. Lediglich die Tamayas sind stark und souverän genug, so dass sie meiner negativen Aura widerstehen. Vielleicht rührt daher meine zärtliche Liebe zu ihnen. Die Tamayas sind mein Volk!

Es heißt, die Tamaya sei eine Hybride aus zwei anderen Begonienarten. Charakteristisch sind die länglichen, gepunkteten Blätter und die traubenförmig hängenden Blüten. Bei der Farbe gibt es Abweichungen. Obwohl alle meine Tamayas von einer einzigen Mutterpflanze abstammen, blühen manche hummerrot, andere rosa. Aber für alle gilt: Je länger sie hängen, desto heller werden sie.


Allen gemein ist auch der Bedarf an Licht. Alle Begonien (also auch die Tamaya) stammen aus Brasilien, mögen daher helle Standorte – und damit beginnt das Problem. Wenn, wie gesagt, die Logenplätze auf den Fensterbänken restlos besetzt sind, was wird dann aus den Kolleginnen weiter hinten? Ganz einfach: Sie blühen nicht mehr. Alles, was in meiner Wohnung zwei Meter vom Fenster entfernt steht, blüht nicht. Die Pflanze wächst und wächst, bildet die schönsten gepunkteten Blätter aus, aber jegliche Dekoration aus Hummerot oder Rosa verkneift sie sich beharrlich.

Mich stört das nicht. Ich ärgere mich eher über jene Querulanten, die statt einigermaßen symmetrisch in die Höhe zu streben mit dekorativen, buschigen Zweigen drum herum, nur einen langen, nackten Strunk ausbilden mit einem dämlich deplatzierten Blätterpuschel oben drauf. Das habe ich nicht verdient! Ich tu so viel für meine Tamayas, ich gieße sie zweimal wöchentlich, ich gebe ihnen Dünger, ich topfe sie um und binde die nachgewachsenen Zweige mit Gefrierbeutelclips an der Bambusstange fest, damit sich die Stängel gerade halten können. So ein idiotisches Design habe ich wirklich nicht verdient.

Wenn alles gut läuft, sprießen aus den Ballen nach und nach neue Zweige. Große Pflanzen haben sechs, sieben, acht dunkle Stämme. Das ist wünschenswert, weil die Natur es so vorgesehen hat. Ob das ungehemmte Höhenwachstum in den ohnehin schon oberen Etagen auch dazugehört, bin ich mir allerdings nicht sicher. Ich jedenfalls steige auf die Leiter, sobald in der Küche neben dem Fenster die Zweige an die Zimmerdecke zu schlagen beginnen, und schneide alles einen Meter zurück. Aus dem Ausschuss mache ich neue kleine Tamayas: Stängel ins Wasser stecken, warten, bis sich Wurzeln bilden – fertig.

Mein Spalier
Jetzt im Spätherbst ist nicht mehr viel los. Die Tamayas bereiten sich auf die Winterpause vor. Etliche Pflanzen blühen noch bis Weihnachten, manche sogar darüber hinaus, der große Rest aber bleibt grün und fängt erst im Frühjahr wieder an in der neuen Saison.

Ich kenne diesen Rhythmus. Er wiederholt sich jedes Jahr, bereits seit 12 Jahren. Mir ist sogar bekannt, was meine Leute über mich denken, teilweise wird es mir direkt ins Gesicht gesagt: Die ist bekloppt! Hat die ganze Hütte voll mit einer einzigen Pflanzenart! Das ist doch krank!

Wirklich? Ach, Leute, keine Sorge, mir geht‘s gut. Es gibt wahrlich Schlimmeres, als hübsche Begonien zu vermehren. Und das Klicken nachts auf meinem Fensterbrett, das gibt mir jedes Mal von neuem die Gewissheit, dass ich mit weit mehr Freude beschenkt bin, als ihr es euch in eurer kurzsichtigen Verurteilung vorstellen könnt.

Begonia Tamaya
Ordnung: Kürbisartige (Cucurbitales)
Familie: Schiefblattgewächse (Begoniaceae)
Gattung: Begonien
Art: Begonia corallina (?) + Begonia albopicta (?)
Sorte: Tamaya


Donnerstag, 3. November 2011

Santorini: Blau und Pfirsich

Das kleine griechische Kykladen-Archipel Santorin ist bei Touristen und Fotografen gleichermaßen beliebt. Wer kennt nicht die Bilder von den weißen Häusern, die sich an den Steilhang schmiegen, postkartenblauer Himmel darüber und tiefblaue See davor?

 BluEyedA73
Zugegeben, solch ein Anblick hat was. Vielleicht stillt er die Sehnsucht nach Ruhe und Einfachheit, zumindest ist er mit dem Stempel „Urlaub“ versehen, und das allein macht ja schon mal gute Laune.

Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt die weiße Gleichförmigkeit Brüche. Nicht alle Häuser sind weiß gestrichen und nicht jedes grandiose Blau ist außen zu finden. Manche Fassade hat einen cremefarbenen Anstrich – oder einen pfirsichfarbenen, so wie die katholische Kathedrale in der Hauptstadt Fira.

Von weitem sieht man den Unterschied kaum, weil sich alles harmonisch ins helle Gesamtbild fügt und weil Sonne und Schatten mit ihrer eigenen Farbdramaturgie ohnehin alles ein bisschen anders ausschauen lassen je nach Tageszeit und Blickwinkel. Innen drin offenbart die Kathedrale ein noch viel eigenwilligeres Farbkonzept: Manche Partien sind in Beige und Orange gehalten, andere in einem atemberaubenden Blau.

 Wolfgang Staudt
 Hier noch mal die Innenansicht aus einer etwas anderen Perspektive:

 Wolfgang Staudt
Ist es nicht umwerfend? Ich kann mich kaum sattsehen an dem herrlichen Blauton. Neben dem kräftigen Orange kommt dessen Leuchtkraft erst richtig zu gut Geltung.

Von außen sieht die Kathedrale so aus:

 wallyg
Das Ensemble (vorne) ist großzügig. Wie so oft in der hiesigen Architektur, verschmelzen byzantinische Stilelemente mit anderen. Der Glockenturm rechts ist reich mit Ornamenten verziert. Doch alt ist der gesamte Sakralbau keineswegs – trotz all der Anleihen von den Vorvätern. Er wurde erst 1975 eröffnet, frisch renoviert, nachdem das verheerende Erdbeben der 50er Jahren auch der ursprünglichen Kathedrale arg zugesetzt hatte.

Die fünf Santorini-Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Genauer gesagt sind sie die sichtbaren Spitzen einer unterseeischen Caldera, also einer abgesackten und vom Wasser gefluteten leeren Magmakammer nach einem Vulkanausbruch. Das Meer ist dort sehr aktiv. Im Laufe der Jahrhunderttausende hat sich die Gestalt des Archipels mehrfach verändert. Heute liegen die fünf Inseln fast im Kreis, und man kann von der einen zur andern hinüberfotografieren.

 MarcelGermain
Dabei entstehen solche traumhaften Fotos wie dieses hier, diesmal zwar nicht in Blau, sondern in Violett, aber nichtsdestoweniger reizvoll.

Bei Tag kann das Ergebnis dann so aussehen:

 BlueEyedA73
Manche Motive erscheinen derart malerisch, dass sie wie inszeniert wirken, fast schon kulissenhaft arrangiert: zu schön, um real zu sein. Santorin ist für sein pittoreskes Flair berühmt. Gäbe es dies alles nicht schon, müsste man es glatt erfinden, nur damit wir Menschen uns daran erfreuen dürften.

Mir gefällt allerdings nach wie vor ein kräftigeres Blau am besten. Aber auch das hat Santorin zu bieten. Bitte schön:

 MarcelGermain
Am roten Gestein ist die vulkanische Herkunft zu erkennen. Und wie man sieht: Auch die Freunde der türkisfarbenen See kommen auf ihre Kosten.

Ich würde gern mal hinfahren, nach Santorini, und alles live auf mich wirken lassen, was ich bisher nur von Fotos kenne. War schon mal einer von euch dort? Könnt ihr meine Erwartungen bestätigen? 


Montag, 31. Oktober 2011

Bendix Grünlich: Das putzt ungemein

Wenn ich Romane lese, habe ich ein Problem. Oder besser gesagt, nachdem ich einen Roman gelesen habe, habe ich ein Problem: Ich behalte nur selten den Inhalt im Kopf. Spätestens nach einem Jahr weiß ich nicht mehr, um was es eigentlich ging. Ich erinnere mich nur noch an meine Gefühle beim Lesen, ob mir das Buch gefiel, ob es mir Spaß machte oder mich nervte, doch die Handlung verschwindet aus meinem Kopf mit einer geradezu gespenstischen Regelmäßigkeit, so dass ich nicht mal behaupten kann, dieses Schicksal ereilt nur die schlechten Romane. Von all den Büchern aus den letzten Jahrzehnten hat nur eine Handvoll in meinem Gedächtnis überlebt. Unter den vergessenen sind durchaus tolle Romane, meisterlich geschrieben und wunderbar arrangiert, der beglückenden Erinnerung wert; ich aber kann machen, was ich will, hier funktioniert mein Hirn wie ein Abfluss. 

Thomas Mann: molosovsky
Unter den wenigen Romanen, die dieses Schicksal nicht erleiden müssen, ist mein Lieblingsbuch, die Buddenbrooks von Thomas Mann. Ich bin sehr froh darüber, denn ich halte das Buch für ein absolutes Meisterwerk. Allerdings glaube ich, dass man eine gewisse Reife mitbringen muss, um den Genuss voll ausschöpfen zu können. Das erste Mal habe ich die Buddenbrooks in der Schule gelesen, als 17-Jährige. Ich fand die Lektüre ganz nett, aber mehr auch nicht. Erst zehn Jahre später, beim zweiten Lesen, ist mir der herrliche Humor aufgefallen, der mir zuvor völlig entgangen war. Und natürlich bekommen die Charaktere erst so richtig ihre Konturen, nachdem man selbst ein bisschen was übers Leben gelernt hat.

Inzwischen habe ich die Buddenbrooks viermal gelesen. Immer wieder kam neu Entdecktes hinzu. Trotzdem sind mir Handlung und Figuren durch die Jahre präsent geblieben. Ich habe es geprüft als Vorbereitung auf diesen  Artikel hier. Ein bestimmter Charakter nämlich hat es mir besonders angetan: Bendix Grünlich, diese windige Gestalt, die es geschafft hatte, sich zumindest zeitweise an das Vermögen der Buddenbrooks zu hängen. Ich wollte wissen, ob meine Erinnerung mit den tatsächlichen Romanstellen übereinstimmt – ja, das tut sie. Und warum gerade Bendix Grünlich? Weil Thomas Mann ihn so herrlich skurril schildert. Und weil sein Abgang mit einer der anrührendsten Szenen einhergeht, die ich in diesem Buch gefunden habe.

Bendix Grünlich erscheint zum ersten Mal bei den Buddenbrooks an einem Sonntagnachmittag. Es ist Juni 1845. Konsul Buddenbrook, hochangesehener Getreidehändler zu Lübeck, sitzt mit seiner Gattin und den halb erwachsenen Kindern im Garten, genießt Sonne und Freizeit. Es wird ihm ein Gast gemeldet: Bendix Grünlich, ebenfalls Händler, wohnhaft in Hamburg; man kennt sich von gemeinsamen Geschäften. Artigkeiten werden ausgetauscht, die Konsulin bittet Platz zu nehmen, man plaudert und setzt sich in Szene.

Der Gast hinterlässt Eindrücke, wie sie gegensätzlicher kaum sein können. Während der Konsul und seine Frau voll des Lobes sind, ihn als angenehmen und gottesfürchtigen Mann schätzen (Grünlichs Vater war Pastor), rangiert er bei den jungen Leuten als Witzblattfigur. Wie er schon aussieht! Wie er redet!
„Diese Klatschrosen dort drüben putzen ungemein ...“
So spricht doch kein Mensch!

Etwa 32 Jahre alt ist er, mit spärlichem blonden Haupthaar, sauber gescheitelt, mit einer Warze auf dem Nasenflügel und einem flauschigen goldgelben Backenbart (so genannten Favoris), von denen Tony Buddenbrook später behaupten wird, sie seien von jener Farbe, mit denen man zu Weihnachten die Nüsse vergoldet.

Keiner der jungen Leute legt Wert auf ein baldiges Wiedersehen, schon gar nicht des Konsuls älteste Tochter Tony. Sie ist knapp 19 Jahre alt, elegant, verwöhnt und voll des Standesdünkels: Name und Firma Buddenbrook haben absoluten Vorrang, immer und überall. Mit dem Heiraten hat sich Tony noch nicht befasst.

Das Buddenbrookhaus. Vorlage für den Roman: roger4336

Umso indignierter ist sie, als sie schon bald feststellen muss, dass Bendix Grünlich ihr nachstellt. Er lauert ihr auf der Straße auf oder sitzt bereits daheim im Salon und wartet auf sie, stets korrekt gekleidet, einmal sogar in erbensgrünen Hosen, aber immer in Begleitung von Hut, Stock und Handschuhen und immer vorbildlich kerzengrade auf dem Sofa sitzend, Nettigkeiten parlierend, welche zwar die Frau Konsul mit Wohlwollen begrüßt, die ihrer Tochter aber zunehmend auf die Nerven fallen, ihr sogar Angst zu machen beginnen, als sie einen gewissen Druck aus ihrer Umgebung verspürt.

Eines Morgens ist es so weit. Nachdem Konsul Buddenbrook Grünlichs wirtschaftliche Verhältnisse geprüft und für äußerst vielversprechend befunden hatte („Bücher, Bethsy, zum Einrahmen!“), eröffnet er seiner Tochter, dass Grünlich um ihre Hand angehalten hat. Tony ist entsetzt.
„Was will dieser Mensch von mir -!“, ruft sie.
Tony beabsichtigt unter keinen Umständen in diese Verbindung einzuwilligen. Sie verabscheue Grünlich, das habe sie oft genug betont. Daran ändert sich auch nichts, als Grünlich  vor ihr auf die Knie sinkt und um Milde fleht. Tony ist peinlich berührt.

Als der Konsul merkt, dass er so nicht weiterkommt, schickt er Tony in die Ferien nach Travemünde. Aber nicht auf die Strandpromenade, wo der übrige Lübecker Geldadel flaniert, sondern zu einem befreundeten Lotsenkommandeur in dessen Kate. Dort hat Tony Ruhe, frische Luft, gute Hausmannskost und genug Muße, um zur Vernunft zu kommen.

Travemünde: Zeno.org
Die Ferien entwickeln sich jedoch anders. Tony verliebt sich in den Sohn der Wirtsleute, Medizinstudent in Göttingen. Eine zarte, unschuldige Liebesgeschichte verzaubert die beiden jungen Menschen. Noch ist Tony so naiv zu glauben, dass diese Verbindung eine Chance hätte. Entsprechende Briefe werden vom Vater gerügt, und kurz darauf steht ein wohlbekannter Mann im langen gelbkarierten Ulster und flauschigen goldgelben Favoris vor der Tür, wünscht den Herrn Lotsenkommandeur zu sprechen. Grünlich macht ältere Rechte geltend. Tony sei ihm versprochen, er verbitte sich daher die Einmischung aus dem Lotsenhause.

Der verliebte Student bekommt einiges zu hören, eine väterliche Standpauke über Dummheit und ungebührliches Verhalten, und Tony kehrt nach Lübeck zurück, verwundet am Herzen und zermürbt von den unvermindert drängenden Erwartungen. Sie willigt endlich in die Verlobung ein. Die Eltern Buddenbrook sind zufrieden. Auch Bendix Grünlich kann seinen Erfolg nur schwer verbergen: Seine Verlobte begutachtet er mit einer heiteren Besitzermiene.
„Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich doch ergattert? …“, entfährt es ihm in einem unbeobachteten Moment.

Zum Jahresanfang 1846 wird geheiratet. Tony bringt standesgemäße 80.000 Mark in die Ehe. Man bezieht eine Villa an Hamburgs Stadtrand. Schön und vornehm ist es dort, nur leider etwas weit ab vom Schuss. Grünlich scheint sich nicht gern mit seiner Frau in Gesellschaft zu zeigen und auch sonst bleibt manches gewöhnungsbedürftig, so Grünlichs Vorliebe, morgens warm zu frühstücken mit Rotwein und einem nach englischer Sitte halbgaren Kotelett. Tony schaudert‘s.

Rechts: Ulster u. Favoris, 1872: Wikimedia Commons
Noch im selben Jahr kommt die Tochter Erika zur Welt. Tony hat vollauf zu tun mit der Überwachung der beiden Hausmädchen und der repräsentativen Gestaltung ihres Heims.  Die gesellschaftlichen Ablenkungen freilich könnten ruhig ein wenig zahlreicher sein, denn manchmal ist es doch recht eintönig. Immer wieder verärgern unerfreuliche Dispute. Tony wünscht diese und jene Annehmlichkeit, zum Beispiel eine eigene Familienkutsche oder ein Kindermädchen für Erika, während Grünlich die Ausgaben als zu kostspielig und überflüssig ablehnt. Tony sei zu luxuriös, lautet der Vorwurf, Grünlich knauserig die Antwort.

Im vierten Jahr kommt es zum Eklat. Das schöne Lügengebäude fällt zusammen. Grünlich ist bankrott. Tony weiß nichts davon, hat keinen Einblick in die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse. Kläglich winselnd wendet sich Grünlich an seinen Schwiegervater mit der Bitte um 100.000 Mark zur Rettung der Firma.

Konsul Buddenbrook hat Fragen. Zahlungsunfähig? Wie konnte das passieren? Er selbst hatte doch erst vor wenigen Jahren die Bücher geprüft und nur die besten Referenzen vernommen. Kurz darauf wird er erfahren, dass Grünlich ihn reingelegt hatte. Die Bücher waren geschönt, die Referenzen erkauft. Dennoch wäre der Konsul bereit, die erflehte Finanzspritze zu gewähren, allerdings möchte er die Entscheidung von seiner Tochter abhängig machen.

Konsul Buddenbrook reist nach Hamburg. Er findet eine noch immer ahnungslose Tony vor, die er behutsam auszufragen beginnt. Ob sie ihren Mann liebe, will er wissen.
„Gewiss, Papa“, antwortete Tony mit einer derart geheuchelten Aufrichtigkeit, dass dem Konsul bange wird.  
Als er nachbohrt, den Bankrott andeutet und wissen will, ob Tony auch dann noch zu ihrem Mann halten würde, wenn sie sich finanziell einschränken müsste, bricht es aus ihr heraus: nein! Und nochmals nein!
„Ich habe ihn niemals geliebt … er war mir immer widerlich … weißt du das denn nicht …?“, schluchzt sie.

Dem Vater ist es eine bittere Erkenntnis. Er muss sich eingestehen, wovor er so lange die Augen verschlossen hatte. Vier Jahre lang hat er seine Tochter an einen ungeliebten Menschen gekettet, zwar im guten Glauben, das Beste für Tony zu wollen, aber doch geblendet von den unwiderstehlichen wirtschaftlichen Argumenten. Die menschliche Seite hatte er allzu sehr vernachlässigt, Tonys Weigerungen als jugendliche Unreife abgetan, bis er schließlich sein Ziel erreicht hatte, die vermeintlich gute Partie. Mit schalem Geschmack erinnert sich Konsul Buddenbrook, wie sich Tony damals nach der Hochzeitsfeier bei der Abreise nach Hamburg noch einmal aus dem Wagen gezwängt, wie sie den Vater umarmt und ihm zugeflüstert hatte:
„Bist du zufrieden mit mir?“

Das letzte Wort ist somit gesprochen; es wird keine Finanzspritze geben. Grünlich mag zusehen, wo er bleibt; er wird sich selbst überlassen. Tony wird die Scheidung einreichen. Sie geht mit Erika zurück nach Lübeck, zieht wieder in ihrem Elternhaus ein. Am Ende hat Tonys Standesdünkel gesiegt. Mit Grünlich gemeinsam die finanzielle Talfahrt zu überstehen wäre unerträglich gewesen, aber dass die Finanzspritze Kapital aus dem Buddenbrookschen Mutterhaus gezogen und damit die Firma Buddenbrook geschwächt hätte, das wäre unverzeihlich geworden.

Als geschiedene Madame Grünlich hat Tony in Lübeck einige abschätzende Blicke auszuhalten. Sie erträgt sie mit hochgerecktem Kinn. Sie ist schließlich eine Buddenbrook. Diese Lebensmaxime wird Tony noch öfter helfen im Kampf gegen privates Leid und allerlei andere Schicksalsschläge. Von Bendix Grünlich wird fortan niemand mehr reden, fast so, als hätte es ihn nie gegeben.   

Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Berlin 1922

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Serviceparadies Deutschland

Lachhaft

Höflichkeit schön und gut, und irgendwann hat uns Deutschen wohl mal einer gesagt, dass wir eine Servicewüste seien, doch wenn es darauf hinausläuft, dass ich bei jedem Einkauf an der Kasse erst mal persönlich begrüßt und obendrein gefragt werde: "Sammeln Sie Payback-Punkte?", dann wünsche ich mir die Zeiten zurück, als man noch stumm und unbehelligt durch den Supermarkt kam. 

Was ist euch lieber? So wie's früher war oder das heutige Begrüßungsritual?

Montag, 17. Oktober 2011

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Mein blauer Einkauf,
mein grüner Einkauf

Farbpsychologie. Ja, davon hatte ich schon gehört. Farben beeinflussen die Gefühle, und die Werbung macht sich das zunutze, um Begehrlichkeiten nach gewissen Produkten zu wecken.

So weit war mir das klar. Ich hatte aber noch nie darüber nachgedacht, was dies in meinem Alltag bedeutet. Das habe ich nun nachgeholt in einem kleinen Feldversuch. Ich bin offenen Auges durch den Supermarkt gegangen, explizit nach Farben Ausschau haltend. Außerdem habe ich zu Hause alles herbeigeräumt, was ich finden konnte an blau verpackten Produkten und an grünen Produkten. Die Ausbeute sieht so aus:


Die blaue Gruppe enthält Mineralwasser, Papiertaschentücher, eine Nussmischung, Shampoos, Joghurt, Camembert, Streichkäse, Feinwaschmittel, eine Tüte Fruchtgummi und Seife.

Die grüne Sektion: Neben Pflanzendünger und Waschmitteltaps sind hier eine Packung Haar-Coloration zu sehen, eine Rolle Mülltüten, eine Tüte Parmesan, eine Fleischwurst und eine Salatgurke.

Ein bisschen spärlich, nicht wahr? Ich hätte wetten können, ich hätte viel mehr Grünes im Haus. Ich meine kein Gemüse, kein ohnehin von der Natur grün erschaffenes Erzeugnis wie Kohlrabi, Paprika oder Blattsalat. Ich meine grüne Verpackung. Sollte es davon nicht mehr geben heutzutage, wo sich alles und jedes mit dem Stempel „öko“ versieht?

In der Tat ist Grün die Symbolfarbe für die Natur. Wir assoziieren Pflanzen, Jugend (im Sinn von Wachstum), Ruhe, Beständigkeit  – draußen. Grün schafft Vertrauen und Wohlbefinden. Allerdings kommt es auf die Schattierung an. Ein dunkles, eher blaustichiges  Grün vermittelt Kompetenz (ideal für Banken) oder Gesundheit (in der Kombination mit Weiß); einen Tick zu hell oder zu gelblich geraten, denken wir dagegen an Umweltschutz.

Viele Verpackungen nutzen diese Assoziation. Wir sollen ja gerade ein gutes Gewissen bekommen beim Kauf gewisser Waren, weil wir sie für umweltverträglich halten. Erfolgreich ist auch die Strategie, auf dem Etikett die Farbe abzubilden, die sich im Packungsinneren befindet. Folglich sind Dosen mit Bohnen und Erbsen überwiegend grün gehalten. Auch verzichtet wohl keine Kosmetikmarke auf hellgrüne Akzente auf der Tube, wenn die Handcreme Kamille enthält.

Überhaupt sind die Regale mit den Cornichons und dem Grünkohl im Glas jene Sektion, die im Supermarkt am konsequentesten durch grüne Gleichförmigkeit auffällt. Sonst ist Grün eher in kleineren Akzenten zu finden. Sparsam eingesetzt und dunkel genug, vermag es die Aufmerksamkeit anzuziehen. Dagegen als Hauptfarbe und großflächig eingesetzt, habe ich Grün selten bemerkt. Mir fallen als Sortiment hier nur die „Du darfst“-Produkte ein, die „Nutrisse“-Coloration (s. Foto) und die „Fructis“-Haarpflegeserie.

Ein empfehlenswerter grüner Farbton für Assoziationen nach Bodenständigkeit und Seriosität

Meinem Empfinden nach hätte ich vor meiner kleinen Recherche die Verhältnisse genau umgekehrt eingeschätzt. Dass einem aber weit mehr Blau als Grün begegnet, hätte ich nicht gedacht. Doch es stimmt – Blau an jeder Front, quer durch die Produktpalette, ob es sich um Lebensmittel handelt, um Körperhygiene, Putzmittel oder um Firmenlogos jeglicher Art, vom Reinigungsunternehmen bis zur Versicherung.

Den Erfolg verdankt das Blau seiner (fast) durchweg positiven Assoziation. Wir mögen diese Farbe, weil es uns stammesgeschichtlich in die Gene geschrieben ist, dass Blau die Abwesenheit von Gefahr bedeutet. Wir erhalten das Signal: „Alles in Ordnung – Entspannung.“ Blau steht für Beständigkeit, für Treue, für Ruhe und Frieden, aber auch für Weite, Ungebundenheit und in der heutigen Zeit für Freizeit.

Ein postkartenblauer Himmel und eine ebenso tiefblaue See sind das Markenzeichen für Erholung, für Fernweh und Ferienfreuden. Ohne dies kommt kein Urlaubskatalog aus.

Mit Weiß vermischt zu Hellblau werden besonders die Bedürfnisse nach Leichtigkeit und Frische angesprochen. Es ist kein Zufall, dass viele Light-Produkte, die mit kalorienreduziertem Inhalt werben, in Hellblau gehalten sind, oft zusätzlich mit weißen Accessoires. Mein Joghurt, mein fettarmer Camembert und mein Schmierkäse auf dem obigen Foto gehören zu dieser Gruppe. Beim Mineralwasser in der blautransparenten Flasche wird auf Kühle und Erfrischung gezielt und beim Feinwaschmittel und bei der Seife wiederum auf leichte Inhaltsstoffe und Verträglichkeit.

Doch wie schon beim Grün kommt es auf die richtige Mischung an. Denn gerade bei den Lebensmitteln kann ein falsches Blau auf dem Etikett ins Gegenteil umschlagen. In der Natur ist Essbares nun mal selten in dieser Farbe zu finden, daher vergeht uns schnell der Appetit bei ungünstigen Farbkombinationen. So wäre es zumindest heikel, ein Glas Gewürzgurken mit einem blauen Deckel zu versehen, und nicht umsonst sind Restaurants in allen möglichen Farben gestrichen, nur nicht in Blau, da in solcher Umgebung die Gesichter leicht kränklich wirken können und das Essen auf dem Teller ungenießbar oder wenigstens unattraktiv.

Mit dunklem Blau – Marineblau – hinwieder macht man alles richtig, sofern man Kompetenz, Qualität und Vertrauen ansprechen will. Man denke an Businessblau. Im dunkelblauen Anzug mit passendem hellblauem Hemd ist der Geschäftsmann immer korrekt gekleidet. Inzwischen gilt dieser Farbton sogar als derart typisch, dass er mit Männlichkeit gleichgesetzt wird. In der Hygieneindustrie spiegelt sich das wieder in Schuppenshampoos und Männercremes. Sie werden gern in (dunkel-) blauen Behältnissen angeboten. Oder anders gefragt: Würde ein Mann so ein Produkt kaufen, wenn die Flasche Pink wäre? Auch mein Shampoo auf dem obigen Gruppenbild ist so ein Schuppenshampoo.

Straßenbahn mit Werbelackierung

Versicherungen, Vereine, politische Parteien, kurzum Gruppen, deren Image auf Vertrauenswürdigkeit fokussiert ist, treffen ebenfalls eine gute Wahl, wenn sie sich für Blau im Logo entscheiden. Es darf sogar ein auffälliges Mittelblau sein. Wir finden diese Farbe trotzdem sympathisch; wir denken, was wir denken sollen: „Hier hat jemand Ahnung, hier werden Versprechen gehalten.“

Es sei denn, jemand hat schlechte Erfahrungen mit einem bestimmten Farbton gemacht. Dann wird seine negative Erinnerung das positive Image zunichte machen, denn Farbassoziationen sind unabhängig vom Verstand und vom Wissen; sie laufen automatisch ab. So wird überall auf der Welt, jenseits von Sprache und Lebenssituation, Grün mit Natur gleichgesetzt und Blau mit Entspannung. Dieser Vorgang ist, wie gesagt, physiologisch bedingt. Andere Assoziationen betreffen kulturelle Vereinbarungen, zum Beispiel Farben, die Trauer symbolisieren. Bei uns ist dies bekanntlich schwarz. Und zu guter Letzt gibt es noch die individuellen Erfahrungswerte; sie bestimmen unsere ganz eigenen Vorlieben und Absagen. Unsere Urteile können daher von der Massenmeinung abweichen.

Auf meinem kleinen Rundgang ist mir solch eine abträgliche Assoziation begegnet: die Fructis-Shampooflaschen. Mit ihrem grellen Mittelgrün bewirken sie bei mir keinerlei Kaufreiz, sondern Kopfjucken. Ich assoziieren die Flüssigkeit mit aggressiv, unangenehm für die Kopfhaut. Das haben die Werbeleute ganz sicher so nicht beabsichtigt. Aber ich bin ja auch nicht die Zielgruppe. Junge Menschen mögen reine, oft knallige Farben. Daher sollen sie sich (nicht reifere Semester) von dieser auffälligen Verpackung angesprochen fühlen. Ältere Erwachsene bevorzugen Farbtöne mit hohem Weißanteil, zum Beispiel Pastell. Wir kaufen also Shampoo in anderen Flaschen. Und es stimmt, ich habe nachgeschaut: Die meisten meiner Pflegeprodukte verschmelzen geradezu harmonisch mit den hellen Fliesen in meinem Bad. 

Ist es bei euch auch so?

Dienstag, 4. Oktober 2011

Sonntag, 2. Oktober 2011

Donnerstag, 29. September 2011

Dienstag ist blau, Mittwoch grün

Ich denke schon lange darüber nach, wie ich eigentlich denke. Denke ich in Bildern oder in Worten? Oder gar in Mustern?

Fest steht, dass es nicht nur eine Art des Denkens gibt. Menschen sind darin unterschiedlich, und zwar nicht, weil sie es sich aussuchen, sondern weil die Natur darüber entscheidet. Es ist das neurologische Programm, das in jedem von uns angelegt ist. Wir bedienen dieses Programm und vermutlich nehmen mir automatisch an, dass jeder um uns herum es genauso handhabt wie wir selbst.

Ich finde es sehr schwierig, über ein derart abstraktes Thema zu schreiben. Ich bin kein Mediziner, ich habe keine Bilder aus dem Kernspin vor mir liegen, woran ich Unterschiede in der Gehirnfunktion erklären könnte (was ich sowieso nicht beherrsche), und ich kann natürlich nicht wissen, ob das, was ich in bestimmte Worte fasse, inhaltlich tatsächlich identisch ist mit dem, was andere mit den gleichen Worten bezeichnen. Ich kann schließlich nicht in meines Nachbarn Hirn schauen und er nicht in meins.

Daher tu ich mich schwer mit Definitionen. Ich kann zum Beispiel wenig anfangen mit der Kategorie „Muster“ – vermutlich weil sie nicht auf mich zutrifft. Wie äußert sich denken in Mustern?

Grob gesagt scheint es sich um eine Schematisierung zu handeln. Die Betroffenen denken  vornehmlich in (geometrischen) Formen, wiederkehrenden Strukturen, Gesetzmäßigkeiten oder schlicht gesagt: abstrakt. Darunter findet man Musiker ebenso wie Mathematiker. Auch hier das Bild von van Gogh mag als Beispiel dienen, besonders die Darstellung der Wolken und der Felder. Eine realistische Wiedergabe mit individuellen Details ist gar nicht beabsichtigt. Hier dominiert die Verallgemeinerung, das Schematische vor dem Konkreten.

 Gogh, Vincent van 1853-1890/Visipix

Wenn ich für mich also das Denken in Mustern vernachlässigen kann, bleiben das Denken in Bildern und das Denken in Worten.

Doch hier stoße ich an meine Grenzen. Ich kann beim besten Willen nicht entscheiden, was zutrifft. Denn es gibt Bereiche, wo ich intensive, geradezu fotorealistische Szenen vor mir sehe, so als würde ich im Kino sitzen und einen technisch einwandfreien Film betrachten, und dann wieder sind meine geistigen Bilder nur blass und schemenhaft.

Nicht lange her wurde ich am Telefon für eine wissenschaftliche Studie befragt. Ich sollte mir eine Rose vorstellen, ob mir das gelänge. Und dann sollte ich die Rose im Geiste drehen: „Kriegen Sie das hin?“ – Nun, eine Rose zu visualisieren schaffe ich, aber sie befindet sich nicht in einer Szene, zum Beispiel nicht in einer Vase auf einem Tisch vor einer Fensteraussicht. Meine Rose ist gedruckt, also nur zweidimensional, rot auf mittelgrünem Hintergrund, und wenn ich sie drehe, sehe ich das Ausgangsbild (Knospe frontal zu mir) sowie das Ergebnis (Knospe zeigt nach links), doch die Schritte dazwischen, die Bewegung, die sehe ich nicht.

Dittmeyer
 Ein so komplexes Szenario würde mir nicht als Erstes einfallen, wenn ich das Wort "Rose" höre

Andererseits träume ich sehr farbenfroh und in detaillierten, realistischen Abläufen. Hier fehlt keinerlei Bewegung, auch ist alles schön dreidimensional, so wie es sich gehört. Selbst die wenigen Horrorvorstellungen, die mein Leben begleiten, sind gekleidet in beste Filmqualität. Als Kind hatte ich eine Heidenangst, beim Turnen in der Schule an einer der wadenhohen Bänke hängen zu bleiben. Ich sah mich jedes Mal wie eine Prophezeiung vornüberkippen und geradewegs auf meine Zahnspange knallen. Heute hat sich dieses Bild auf Stufen verlagert. Ich kann gern auf mein überaus naturalistisches Kopfkino verzichten, wenn ich eine Treppe hinabsteige und mich bereits in der Vorschau mit verdrehten Knochen auf dem Absatz liegen sehe.

Ich vermute, dass die Sprache dann doch den größten Raum in meinem Denken einnimmt. Wenn ich einen Roman lese, bleiben die Szenen im optischen Sinn nebensächlich. Ich weiß, was Bananen sind, deswegen taucht jedoch nicht automatisch eine Obstschale vor meinem geistigen Auge auf. Trotzdem vermisse ich nichts, meine Welt ist dennoch vollständig.

Ich handhabe Worte so, wie in der Schule das Vokabellernen seine Früchte trug. Anfangs hatte ich noch alles mühsam  1 : 1 übersetzen müssen: the table – der Tisch. Dabei war es hilfreich gewesen, mir tatsächlich ganz konkret einen Tisch vorzustellen; die Bedeutung blieb dann eher haften. Doch irgendwann waren diese Schritte nicht mehr nötig. Der Geist verband das Wort jetzt selbstständig mit der richtigen Übersetzung, ohne dass ich bewusst etwas dazu hätte beitragen müssen. Nach diesem Prinzip denke ich also in Sprache. Mir reicht das abstrakte Wissen um die Bedeutung eines bestimmten Wortes, so wie es in unserem Sprach- und Kulturkreis festgelegt wurde; mir dagegen zusätzlich den Inhalt optisch zu vergegenwärtigen brauche ich dabei nicht. Darin unterscheide ich mich von den reinen  „Visual thinkern“, denn die übersetzen nämlich immer erst – wie beim Vokabellernen – das Wort in konkrete Bilder, bevor sie damit etwas anfangen können.

Vielleicht gibt es ja Mischformen. Darüber bin ich leider nicht informiert. Ich habe auch nirgend etwas übers Rechnen gelesen. Gibt es Menschen, die in Bildern rechnen?

Nun, zumindest bei mir ist es so, und darüber bin ich mir ausnahmsweise sehr klar bewusst. Ich kann keine mathematische Aufgabe lösen ohne Visualisierung. Selbst im Supermarkt an der Kasse sind die Geldbeträge, die man mir abverlangt, erst einmal in mentale Bilder umgewandelt, bevor ich ins Portemonnaie greife und die entsprechenden Scheine und Münzen zusammentrage. Damit ist nicht nur gemeint, dass ich mir eine sechs als Ziffer vorstelle, sondern obendrein benutze ich ein eigenes optisches Orientierungssystem. Darauf sind alle Zahlen angeordnet. Ich habe einmal versucht, es aufzumalen:


Von 1 bis 10 geht es also geradeaus, dann bis 20 waagerecht nach links und dann immer in Zehnerschritten leicht versetzt wieder geradeaus. Bei 100, 200, 300 usw. wiederholt sich der Linksschlenker. Wenn ich eine Rechenaufgabe lösen soll, so wie hier zum Beispiel die Addition auf dem rechten Bild, dann suche ich im Geiste zunächst die erste Zahl. Ich sehe, wo sie positioniert ist in meinem Ordnungssystem. Dann suche ich die zweite Zahl und dann erst beginnt die eigentliche Aktion, das Addieren. Das Ergebnis wiederum besteht natürlich ebenfalls aus einer bestimmten Zahl, die ihrerseits einen festen Platz auf meiner persönlichen Skala einnimmt. Auch sie sehe ich als optisch vorhandene Ziffer an ihrem angestammten Ort.

Ich mache diese mentalen Kapriolen nicht mit Absicht und schon gar nicht aus Gründen einer irgendwie missverstandenen Kreativität. Nein, ich muss es so handhaben, weil ich es nicht anders kann. Wahrscheinlich ist dies auch einer der Gründe, warum ich so elendig schlecht bin in Mathematik. Was mir alles bereits in der Grundschule entglitt, hat schon damals alle Welt die Hände überm Kopf zusammenschlagen lassen. Es ist nicht unbedingt unlogisch, was ich rechne, aber es ist umständlich und vor allem dauert es lange.

Ein anderes optisch festgelegtes System benutze ich für den Jahresablauf. Sobald ich das Wort April höre oder lese, wird der Monat bildlich einsortiert. Dazu sind die Monate auf einem Kreis angeordnet wie bei einer Uhr, nur dass mein Jahr nicht bei 12 Uhr beginnt, sondern unten bei 6 Uhr. Jetzt, Anfang Oktober, bin ich mental also „rechts mittig“.


Auch die Wochentage haben ihre feste bildliche Struktur. Hier sind es wiederum eckige Formen wie auf einer Straße mit einer größeren Stufe im gleichbleibenden Abstand. Hiernach ist meine Woche aufgeteilt. Am Freitag wartet schon rechts im Bild der „Balken“ von der Stufe zum Samstag. Ich sehe ihn, er ist ganz konkret vor meinem geistigen Auge vorhanden.


Solche Bilder entstehen unwillkürlich, wann immer die dazugehörigen Worte mein Denken berühren. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich sie mir bewusst zugelegt hätte, etwa als Eselsbrücke zur besseren Handhabung. Sie sind einfach da; woher und seit wann, weiß ich nicht.

Ehrlich gesagt, manches daran finde ich ein wenig skurril. Anderes dagegen ist  hübsch: die Sache mit den Wochentagen zum Beispiel. Die haben nämlich zusätzlich noch Farben. Jawohl. Der Montag ist rot, der Dienstag blau, der Mittwoch grün, der Donnerstag braun, der Freitag grau, der Samstag orange und der Sonntag gelb. Auch daran ließe sich nichts ändern, Farben tauschen oder dergleichen. Auf gar keinen Fall. Mein Gehirn würde es nicht anders haben wollen.


Montag, 26. September 2011

Lesen im Grünen

Ich lebe in Hannover und dies ausgesprochen gern. Natürlich kenne ich die süffisanten Bemerkungen jener, die in einer wahren Großstadt leben und auf uns provinzielle Dorfdeppen herunterschauen. Wir hätten keine eigene Identität, kein aufregendes Kulturleben, und spätestens um 22.00 Uhr würden wir schon längst neben unsern hochgeklappten Bürgersteigen vor uns hin schnarchen.

Wirklich? Ist das so? Eins jedenfalls kann uns niemand absprechen: Wir sind freundliche Menschen. Damit meine ich die Atmosphäre, die einen auf der Straße, im Geschäft oder in der U-Bahn umweht. Glaubt mir, ich kenne gegenteilige Beispiele, auch aus Städten mit angeblich ach so coolem Flair. Hier aber kann jeder so leben, wie er möchte, solange er sich verträglich verhält; man muss sich nicht für eine Gruppe entscheiden, damit man wenigstens irgendwo dazugehört. Morgens beim Bäcker echot der volle Laden auf mein „Guten Tag“ (und nicht nur die Verkäuferin), man geht einen Tick langsamer als in den großen Metropolen und hier macht der Busfahrer noch mal die Tür auf, wenn man von weitem angehetzt kommt.

Eine besondere Affinität hat Hannover zur Farbe Grün. Unsere Straßenbahnen sind grün – jedenfalls noch etwa zur Hälfte, seit anlässlich der Expo im Jahr 2000 auch silberfarbene Stadtbahnen dazukamen. Ich gebe zu, dass man sich an den etwas grellen Farbton gewöhnen muss. Hat diese Farbe überhaupt einen Namen? Ich nenne sie seit jeher Üstragrün, nach unseren Verkehrsbetrieben. Selbst bei meinen auswärtigen Freundinnen, die andere Straßenbahnfarben gewohnt sind, wurde diese Farbnuance zum geflügelten Begriff. Wir hatten unsern Spaß, als wir uns vorstellten, in einem pinkfarbenen Pullover, einem orangefarbenen Schal und mit lila Stulpen in eine Straßenbahn zu steigen. Wenn mich meine Freundin ärgern wollte, fragte sie, ob sie mir zum Geburtstag eine üstragrüne Tischdecke häkeln sollte; die passenden rosa Servietten würde sie gleich dazulegen.

binaryCoco
Gar zu deutlich anschwellende Überheblichkeit kann man freilich gut eindämmen, indem man sich nach den Grünflächen im Wohnort der Amüsierten erkundigt. Natürlich hat mittlerweile jede Kleinstadt ihren Park. Ein Beet, ein paar Bänke, vielleicht noch ein Brunnen und schon ist das urbane Naherholungsgebiet fertig. Das meine ich aber nicht. Ich meine Holz. Bäume. Große Bäume und viele davon.

Hannover hat so einen Wald, sogar mitten in der Stadt. Dort raschelt es und knackt es unter den Füßen. Im Frühjahr riecht es würzig und im Herbst bekommt man Eicheln auf den Kopf. Die 650 ha verteilen sich auf mehrere Stadtteile, werden von Straßen durchschnitten. Es gibt Wanderwege, Minigolfanlagen, Rodelflächen und anders kultivierte Freizeitangebote, doch der Anblick dicht bewachsenen Forstes überwiegt.

Als so genannter Stadtwald steht die Eilenriede zwar nur an 12. Stelle. Größer sind in Deutschland zum Beispiel der Grunewald in Berlin (3.000 ha), die Rostocker Heide (6.000 ha) oder das Lauerholz in Lübeck (960 ha). Trotzdem hat unser hannöverscher Stadtpark ein bisschen mehr Fläche als der weit berühmtere Wiener Prater (600 ha) und sogar doppelt so viel als der Central Park in New York (340 ha).

Tobi_as
Wir Hannoveraner lieben unsere Eilenriede. Es findet sich immer ein Plätzchen, wo man seine Decke ausbreiten oder sich auf eine Bank setzen kann. Seit neuestem braucht man nicht mal mehr seine eigene Lektüre mitzubringen. Man kann sie sich nämlich unterwegs ausleihen – oder gleich ganz unter den Nagel reißen. Niemand hat etwas dagegen, ganz im Gegenteil, die Bücher sollen ja kursieren.

21 Minibüchereien gibt es mittlerweile im gesamten Stadtgebiet. Sie sind gut zu erkennen: ein hölzerner, handgefertigter Schrank mit mehreren Fächern und Glasscheiben, die auf beiden Seiten hochgeklappt werden können. Wer sich für ein Buch interessiert, kann es mitnehmen, daheim lesen und wieder zurückbringen oder stattdessen ein anderes Buch reinstellen. Man trifft die Schränke an Plätzen, an Hauswänden oder sogar mitten in der Straße, auf dem Bürgersteig zwischen Geschäftseingang und Grünstreifen.


Die Büchereien haben rund um die Uhr geöffnet. Zwar werden sie kontrolliert, aber dennoch steckt ein gutes Maß an Vertrauen dahinter. Bisher ist mir nicht bekannt, dass Vandalismus das schöne Konzept gefährden würde. Hin und wieder komme ich an einem der Schränke vorbei. Ich bin nicht die Einzige, die dann in gebückter Haltung mit verdrehtem Hals vor der Scheibe klebt, um die Titel zu lesen. Ich habe mich noch nie über mutwillig verdrecktes Glas geärgert oder über Müll auf den Regalbrettern.

Ich finde, das ist ein wunderbarer Beitrag zur Kultur. Es geht auch leise und mit gegenseitiger Rücksicht.

Tja, so sind wir halt, wir Dorfdeppen in der Grühnkohl-Provinz. Wir kriegen das hin, ganz ohne schrill, blinki-blinki und Oscar-Verleihung.


Donnerstag, 22. September 2011

Die blaue Stunde

Die Franzosen sagen: „Entre chien et loup“. Zweimal am Tag befinden wir uns „zwischen Hund und Wolf“: am Morgen, bevor die Sonne aufgeht, und am Abend, nachdem sich die Sonne verabschiedet hat, aber noch bevor die Nacht alles in Schwarz hüllt.

Die Dämmerung dauert in unseren Breitengraden 30 bis 50 Minuten. Der Himmel ist von intensivem Mittelblau, manchmal auch gemischt mit Gold- oder Lilatönen. Das blaue Licht wird verursacht durch die Ozonschicht. Damit ähnelt es zwar dem Blau im Sonnenlicht, ist aber anderen physikalischen Ursprungs.

Dem Betrachter mag dies egal sein. Die Dämmerung hat ihre eigene Faszination. Nicht umsonst gibt es unzählige Fotos, die diesen Moment festhalten – oder es zumindest versuchen. Den richtigen Augenblick zu erwischen stellt eine Herausforderung dar: nicht zu früh, wenn noch zu viele helle Farbstreifen die Harmonie verwässern, aber auch nicht zu spät, wenn schon alles einen Tick zu düster und zu konturlos geworden ist.

Ich selbst kann solche Fotos nicht machen. Ich verstehe nicht genug von der Technik, als dass ich wüsste, mit welcher Blende ich wann und wo arbeiten sollte. Aber ich habe im Netz grandiose Fotos gefunden von Leuten, die das beherrschen – von einem bestechenden Blau, das mich ins Schwärmen bringt. Drei davon möchte ich euch zeigen.

Paulo Brandão
Die Basilika del Pilar in Zaragoza, Spanien

Guillermo Fdez
Die Brücke Vasco da Gama in Lissabon, Portugal

MrDanielSan
Hagen

„Zwischen Hund und Wolf“ symbolisiert den Übergang zu etwas Neuem, Wildem oder Archaischem, vielleicht auch zu etwas Bösem. Niemand weiß, was die Nacht bringen wird. Andererseits ist die blaue Stunde, so wie in Deutschland dieser Tagesabschnitt einst genannt wurde, die Zeit der Einkehr und Ruhe. Die Arbeit ist vollbracht, nun ist Feierabend.

Heutzutage spricht man von „Happy Hour“, wenn man etwas Ähnliches meint. Doch neben der eher gastronomischen Bedeutung fehlt dem Begriff die Poesie: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes keine Farbe mehr im Spiel, die Vorstellungskraft braucht sich nicht mehr mit dem Dunklen, dem Mystische zu befassen, nicht mit dem, was in der Nacht auf uns zukommen mag, und nicht mit dem, was wir selbst an destruktivem Wandeln in uns tragen und im Schutz der Dunkelheit ausleben mögen. Heute ist alles „glücklich“, unbeschwert, ungefährlich. Man sitzt in der Kneipe und trinkt Alkohol. Der auch äußerlich sichtbare Wechsel im Tagesrhythmus ist aus der Sprache verschwunden.

Vollends irritierend wird es aber, wenn sich gleich die gesamte Dämmerung verabschiedet. Als Mitteleuropäer sind wir verwöhnt. Die herrlichen Blau- und Lilatöne dürfen wir oft und recht lange genießen, sofern wir wollen und der Himmel klar ist. Kommt man dann in tropische Länder, wird man enttäuscht sein. Je näher am Äquator, desto kürzer die Dämmerung. Der Übergang vollzieht sich kurz und brutal: eben noch heller Sonnenschein, jetzt schwarze Nacht. Und dazwischen? Nichts, was einem aufgefallen wäre, geschweige denn begeistert hätte.

Ich habe in Südamerika zum ersten Mal in meinem Leben einen Nachthimmel gesehen mit so vielen Sternen, dass man leicht von einer Tupfentapete hätte sprechen könnte. Das war beeindruckend. Kein Lichtschein einer fernen Stadt am Horizont störte das Schwarz, das noch wirklich ein Schwarz war. Doch das Blau und das Lila unserer Dämmerung dagegen einzutauschen, das wäre kein akzeptabler Handel gewesen.

Und wie haltet ihr es? Benutzt ihr den Begriff „blaue Sunde“ noch, oder verbindet ihr ganz andere Assoziationen mit der Dämmerung?


Mittwoch, 21. September 2011

Blau im Dickicht - der Kasuar

Manchmal besuche ich den Weltvogelpark Walsrode. Ist ja hier gleich um die Ecke, außerdem ist meine Mia (die Gelbnackenamazone) dort geboren. Den Eltern guten Tag zu sagen gehört natürlich zum Programm.

Ich gebe zu, dass ich außer über Papageien nicht viel über die übrigen Parkbewohner weiß. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie groß Geier und Adler sind, besonders wenn sie die Flügel ausbreiten, denn ich kenne sie ja sonst nur von Fotos oder aus dem Fernsehen. Selbst Eulen, die einem noch aus den Schulbüchern ein Begriff sind, sehen in natura viel imposanter aus.

Ein bestimmter Vogel aber hat es mir besonders angetan. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: „Was ist das denn?“ Er stand mitten in seinem Gehege auf einer Art begrünter Plattform, hinter sich eine blickdichte Hecke, nach vorne hin zum Publikum durch gebührenden Abstand, einen Wassergraben und einen Zaun abgesichert. Der Vogel stand aufrecht, sah aus wie ein Strauß und guckte zu mir rüber, als würde er das Gleiche über mich denken wie ich über ihn.

 High Leif
Was mich vollends verwunderte, waren die vielen Warnschilder. Sie forderten die Besucher auf, auf gar keinen Fall über den Zaun zu klettern (ziehen das etwa Leute in Betracht?). Der Grund stand gleich dabei: Dieser Vogel –  Kasuar mit Namen –  sei lebensgefährlich. Er habe eine lange, gerade, dolchartige Kralle innen am Zeh, mit der er sogar Menschen aufschlitzen könne. Früher, in weniger gesicherten Zeiten sei diesem Umstand so mancher Pfleger zum Opfer gefallen.

Oha. Daraufhin bin ich respektvoll ein paar Schritte zur Seite getreten. Zu Hause habe ich mich dann schlau gemacht.

In der Tat, mein erster Eindruck war richtig gewesen. Der Kasuar ist ein flugunfähiger Laufvogel. Er ist verwandt mit dem Strauß, dem Emu und dem Nandu. Typisch sind die kräftigen Beine mit den drei Zehen, der eiförmige Körper mit den puscheligen, hier schwarzen Federn und der relativ lange, dünne Hals. Im Gegensatz zu seinen unscheinbaren Verwandten trägt der Kasuar allerdings kräftiges Blau und Rot an Kragen und Gesicht, obendrein ein sonderbares, fast dreieckiges Gebilde auf dem Kopf. Wozu das gut sein soll, darauf komme ich später.

Und was macht diesen Vogel nun so gefährlich?

Beheimatet ist der Kasuar hauptsächlich in Neuguinea. In freier Natur wird man ihn kaum zu Gesicht bekommen; er geht dem Menschen aus dem Weg. Da er aber ein Einzelgänger ist mit einem sehr dominanten Revierverhalten, kann sich in Gefangenschaft die fehlende Fluchtmöglichkeit in Aggression entladen. Als Eindringling hat man schlechte Karten. Der Kasuar wird bis zu 1,70 m groß und 85 Kilo schwer. Wenn dann so ein Koloss Anlauf nimmt, ist guter Rat teuer, zumal Kasuare nachsetzen, sogar schwimmen und aus dem Stand springen können –  über einen Meter hoch. In der Regel treten sie mit ihren muskulösen Beinen zu. Das allein wird reichen für Knochenbrüche. Kommt dann noch besagte Kralle zum Einsatz, ist dem Menschen schnell der Bauch aufgeschlitzt.


Das kann kein anderer Vogel auf der Welt. Deshalb hat der Kasuar die zweifelhafte Ehre, als gefährlichster Vogel im Guinnessbuch der Rekorde geführt zu werden. Aus dem Blickwinkel des städtischen Zoobesuchers mag dies zwar zum wohligen Gruseln beitragen, doch weit weniger Probleme sehen jene Menschen, die nicht mit einer Eiswaffel und der Digicam vorm Gehege stehen, sondern die sich ihren Lebensraum mit dem Kasuar teilen. Man respektiert sich gegenseitig, indem man sich nicht zu nah kommt.

In ihrem natürlichen Umfeld streichen Kasuare durchs Dickicht. Sie bleiben im Regenwald, solange sie genug zu fressen finden und keine Straßen ihr Territorium zerschneiden. Auf dem Speiseplan stehen vor allem Früchte, aber auch Blätter (dafür ist hochspringen gut), Pilze und allerlei Getier wie Raupen, Frösche oder Insekten.

Natürliche Feinde hat der Kasuar nicht, außer dem Menschen und gegebenenfalls Wildhunden.

Ehrlich gesagt, das überrascht mich. Denn da muss ich mich fragen, wofür er überhaupt diese tödliche Waffe besitzt. Gegen wen muss er sie einsetzen? Gegen Artgenossen, die in sein Revier eindringen? Wohl kaum, denn im Zweifelsfall wird gedroht, dann zieht sich der Unterlegene zurück. Hat also die Natur hier nur eine Kapriole geschlagen, ohne dringende Notwendigkeit, ohne rechten Sinn und Verstand?

Das merkwürde Dreieck auf dem Scheitel hingegen ist selbst den Experten ein Rätsel.  Dass es einen konkreten Zweck erfüllt, ist unbestritten, doch welchen? Während die einen von einer Art Macheten-Funktion ausgehen (Kopf runter und immer geradeaus „durchs Brombeergestrüpp“), sehen andere darin einen Resonanzkörper für die Kontaktrufe. Denn schließlich müssen sich auch Einzelgänger gelegentlich um gesellschaftlichen Kontakt kümmern, sofern sie Kinder haben wollen. Das Dreieck besteht aus Knochen mit Horngewebe.

Kasuare lassen sich nur sehr schwer in Gefangenschaft nachziehen, daher bleibt ihr Anblick immer etwas Besonderes.


Das letzte Mal, als ich im Vogelpark Walsrode dieses Besondere genießen wollte, bekam ich aber leider nicht viel zu sehen, obwohl ich geduldig gewartet hatte. Der Kasuar nämlich war gerade anderweitig beschäftig. Er hatte sich in die Hecke zum Nachbargehege ein Loch gebastelt, stand nun dort, mit dem Kopf in der Durchreiche, und guckte, was es nebenan zu begutachten gäbe. Mir blieb nur der Anblick seines mächtigen Hinterns … und es dauerte, und dauerte, und dauerte.

Na gut, dann eben das nächste Mal wieder. Auch als Zoovogel hat man schließlich ein Recht auf die ungestörte Ausübung seines Hobbys. Sollen sie doch ein andermal wiederkommen, diese komischen Zweibeiner mit den schwachen Knöcheln, den mickrigen Zehen und dem fahlen Stummelhals unterm Eierkopf. Den ganzen Tag nur zu lachen füllt selbst den stolzesten Kasuar nicht aus.