Mittwoch, 21. September 2011

Blau im Dickicht - der Kasuar

Manchmal besuche ich den Weltvogelpark Walsrode. Ist ja hier gleich um die Ecke, außerdem ist meine Mia (die Gelbnackenamazone) dort geboren. Den Eltern guten Tag zu sagen gehört natürlich zum Programm.

Ich gebe zu, dass ich außer über Papageien nicht viel über die übrigen Parkbewohner weiß. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie groß Geier und Adler sind, besonders wenn sie die Flügel ausbreiten, denn ich kenne sie ja sonst nur von Fotos oder aus dem Fernsehen. Selbst Eulen, die einem noch aus den Schulbüchern ein Begriff sind, sehen in natura viel imposanter aus.

Ein bestimmter Vogel aber hat es mir besonders angetan. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: „Was ist das denn?“ Er stand mitten in seinem Gehege auf einer Art begrünter Plattform, hinter sich eine blickdichte Hecke, nach vorne hin zum Publikum durch gebührenden Abstand, einen Wassergraben und einen Zaun abgesichert. Der Vogel stand aufrecht, sah aus wie ein Strauß und guckte zu mir rüber, als würde er das Gleiche über mich denken wie ich über ihn.

 High Leif
Was mich vollends verwunderte, waren die vielen Warnschilder. Sie forderten die Besucher auf, auf gar keinen Fall über den Zaun zu klettern (ziehen das etwa Leute in Betracht?). Der Grund stand gleich dabei: Dieser Vogel –  Kasuar mit Namen –  sei lebensgefährlich. Er habe eine lange, gerade, dolchartige Kralle innen am Zeh, mit der er sogar Menschen aufschlitzen könne. Früher, in weniger gesicherten Zeiten sei diesem Umstand so mancher Pfleger zum Opfer gefallen.

Oha. Daraufhin bin ich respektvoll ein paar Schritte zur Seite getreten. Zu Hause habe ich mich dann schlau gemacht.

In der Tat, mein erster Eindruck war richtig gewesen. Der Kasuar ist ein flugunfähiger Laufvogel. Er ist verwandt mit dem Strauß, dem Emu und dem Nandu. Typisch sind die kräftigen Beine mit den drei Zehen, der eiförmige Körper mit den puscheligen, hier schwarzen Federn und der relativ lange, dünne Hals. Im Gegensatz zu seinen unscheinbaren Verwandten trägt der Kasuar allerdings kräftiges Blau und Rot an Kragen und Gesicht, obendrein ein sonderbares, fast dreieckiges Gebilde auf dem Kopf. Wozu das gut sein soll, darauf komme ich später.

Und was macht diesen Vogel nun so gefährlich?

Beheimatet ist der Kasuar hauptsächlich in Neuguinea. In freier Natur wird man ihn kaum zu Gesicht bekommen; er geht dem Menschen aus dem Weg. Da er aber ein Einzelgänger ist mit einem sehr dominanten Revierverhalten, kann sich in Gefangenschaft die fehlende Fluchtmöglichkeit in Aggression entladen. Als Eindringling hat man schlechte Karten. Der Kasuar wird bis zu 1,70 m groß und 85 Kilo schwer. Wenn dann so ein Koloss Anlauf nimmt, ist guter Rat teuer, zumal Kasuare nachsetzen, sogar schwimmen und aus dem Stand springen können –  über einen Meter hoch. In der Regel treten sie mit ihren muskulösen Beinen zu. Das allein wird reichen für Knochenbrüche. Kommt dann noch besagte Kralle zum Einsatz, ist dem Menschen schnell der Bauch aufgeschlitzt.


Das kann kein anderer Vogel auf der Welt. Deshalb hat der Kasuar die zweifelhafte Ehre, als gefährlichster Vogel im Guinnessbuch der Rekorde geführt zu werden. Aus dem Blickwinkel des städtischen Zoobesuchers mag dies zwar zum wohligen Gruseln beitragen, doch weit weniger Probleme sehen jene Menschen, die nicht mit einer Eiswaffel und der Digicam vorm Gehege stehen, sondern die sich ihren Lebensraum mit dem Kasuar teilen. Man respektiert sich gegenseitig, indem man sich nicht zu nah kommt.

In ihrem natürlichen Umfeld streichen Kasuare durchs Dickicht. Sie bleiben im Regenwald, solange sie genug zu fressen finden und keine Straßen ihr Territorium zerschneiden. Auf dem Speiseplan stehen vor allem Früchte, aber auch Blätter (dafür ist hochspringen gut), Pilze und allerlei Getier wie Raupen, Frösche oder Insekten.

Natürliche Feinde hat der Kasuar nicht, außer dem Menschen und gegebenenfalls Wildhunden.

Ehrlich gesagt, das überrascht mich. Denn da muss ich mich fragen, wofür er überhaupt diese tödliche Waffe besitzt. Gegen wen muss er sie einsetzen? Gegen Artgenossen, die in sein Revier eindringen? Wohl kaum, denn im Zweifelsfall wird gedroht, dann zieht sich der Unterlegene zurück. Hat also die Natur hier nur eine Kapriole geschlagen, ohne dringende Notwendigkeit, ohne rechten Sinn und Verstand?

Das merkwürde Dreieck auf dem Scheitel hingegen ist selbst den Experten ein Rätsel.  Dass es einen konkreten Zweck erfüllt, ist unbestritten, doch welchen? Während die einen von einer Art Macheten-Funktion ausgehen (Kopf runter und immer geradeaus „durchs Brombeergestrüpp“), sehen andere darin einen Resonanzkörper für die Kontaktrufe. Denn schließlich müssen sich auch Einzelgänger gelegentlich um gesellschaftlichen Kontakt kümmern, sofern sie Kinder haben wollen. Das Dreieck besteht aus Knochen mit Horngewebe.

Kasuare lassen sich nur sehr schwer in Gefangenschaft nachziehen, daher bleibt ihr Anblick immer etwas Besonderes.


Das letzte Mal, als ich im Vogelpark Walsrode dieses Besondere genießen wollte, bekam ich aber leider nicht viel zu sehen, obwohl ich geduldig gewartet hatte. Der Kasuar nämlich war gerade anderweitig beschäftig. Er hatte sich in die Hecke zum Nachbargehege ein Loch gebastelt, stand nun dort, mit dem Kopf in der Durchreiche, und guckte, was es nebenan zu begutachten gäbe. Mir blieb nur der Anblick seines mächtigen Hinterns … und es dauerte, und dauerte, und dauerte.

Na gut, dann eben das nächste Mal wieder. Auch als Zoovogel hat man schließlich ein Recht auf die ungestörte Ausübung seines Hobbys. Sollen sie doch ein andermal wiederkommen, diese komischen Zweibeiner mit den schwachen Knöcheln, den mickrigen Zehen und dem fahlen Stummelhals unterm Eierkopf. Den ganzen Tag nur zu lachen füllt selbst den stolzesten Kasuar nicht aus.


Kommentare:

  1. Ich hab´noch was tolles über die Kasuare gelesen: Das Männchen baut ein kuscheliges Nest. Nach der Paarung bleibt die Herzensdame noch ein Weilchen bei Herrn Kasuar. Sie legt ein paar Eier und geht dann auf Trallafitti, d.h., sie sucht sich einen anderen Mann und vergnügt sich mit ihm. Der zurückgelassene brütet nun die Eier aus und zieht die Jungen groß. Bis sie dann allein für sich sorgen können, vergehen etwa 9 Monate.

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  2. Ich muss zugeben, dass diese Auslegung von Erziehungsurlaub was für sich hat. Andererseits habe ich gelesen, dass so mancher Kasuar-Vater (im Zoo) auf die kostbaren Eier latscht, so dass sie unbrauchbar werden. Angesichts dessen frage ich mich, ob es unterm Strich nicht doch billiger bleibt, wenn wir Frauen die wirklich wichtigen Dinge selbst erledigen.

    „Ich kann alles!“ … „Oh, kaputt.“

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  3. Boa, so hübsch und so gefährlich!
    Ich habe gerade gegoogelt und gelesen, dass wir in Wien im Tiergarten Schönbrunn einen weiblichen und einen männlichen Helmkasuar haben (oder hatten). Sie werden in getrennten Gehegen gehalten...
    Werde ich mir sicher irgendwann in natura ansehen!

    LG, Klarissa

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  4. Wenn du die Möglichkeit hast, kann ich dir einen Besuch nur empfehlen. Es lohnt sich. Sie sind beeindruckend.

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  5. schwöre wikipedoia ist cooler!

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Gern. Sag was dazu, danke dafür