Dienstag, 6. September 2011

Der Preis der Nacht

Monkeyfox
Mit Spielfilmen kann ich nicht viel anfangen, weder im Kino noch im Fernsehen. Dennoch gibt es eine Handvoll Filme, die mir in Erinnerung geblieben sind und die ich mir gern ein zweites und ein drittes Mal anschaue. Einer davon ist „Interview mit einem Vampir“ von 1994.

Die Starbesetzung mit Brad Pitt, Tom Cruise und Antonio Banderas interessiert mich weniger. Einen Film finde ich besonders dann sehr gelungen, wenn er von allem etwas hat: in diesem Fall ein bisschen was zum Gruseln und Ekeln, aber zugleich sehr komische und sehr ästhetische Szenen. Die Bilder, die Aufnahmetechnik, die Farben begeistern mich. Der Film hat nichts vom ruckeligen Schwarzweiß der ersten Dracula-Filme. Auch der Inhalt ist anspruchsvoller. Es wird nicht lediglich munter drauflos gebissen und gesaugt, sondern eine Lebensgeschichte wird erzählt, bisweilen durchaus mit philosophischen Abstechern.

Zum Inhalt: Ende des 18. Jahrhunderts lebt in den Südstaaten ein junger Plantagenbesitzer - Louis. Als er seine Frau und sein neugeborenes Kind verliert, gerät er aus der Bahn. Er wird lebensüberdrüssig, lebt riskant. Auf einem abendlichen Fest lernt er den Vampir Lestat kennen, der ihn fragt, ob er unsterblich werden will. Louis willigt ein, ohne zu wissen, auf was er sich einlässt. Lestat transformiert daraufhin seinen neuen Gefährten in einer speziellen Beißzeremonie zu seinesgleichen.

An sein neues Dasein kann Louis sich nur schwer gewöhnen. Zwar lernt er, das Sonnenlicht zu meiden und sich von Blut zu ernähren, doch bleiben ihm Skrupel. Ihm fehlt die amoralische Rücksichtslosigkeit Lestats, der alles aussaugt und tötet, was ihm zwischen die Zähne kommt. Louis dagegen wird im Herzen immer ein Mensch bleiben. Er existiert als Vampir, fühlt aber wie ein Sterblicher. Das beschert ihm Gewissensbisse und konstantes Hadern mit seinem Schicksal, doch macht ihn genau dies einzigartig  in der Vampirwelt und anziehend.

Als Lestat merkt, dass Louis ihm zu entgleiten droht, erschafft er ihm ein 10-jähriges Vampirmädchen. Claudia wird zum Tochterersatz, beschützt und geliebt; für Lestat ist sie lediglich eine Schülerin. An Grausamkeit steht die Kleine ihrem Lehrer in nichts nach. Sie tötet Lestat, als sie ihn als Konkurrenten um Louis' Gunst empfindet. In der Meinung, Lestat sei vernichtet, verlassen die beiden Amerika und schiffen sich nach Europa ein. Louis und Claudia hoffen, dort auf andere Vampire zu treffen, auf Kreaturen, die so sind wie sie und die ihnen einige brennende Fragen zu ihrer Existenz beantworten könnten. Nach Jahrzehnten des Umherreisens werden sie in Paris endlich fündig.

Dort in Paris lernen sie gleich ein ganzes Theaterensemble aus Vampiren kennen. Es ist jedoch kein gutes Zusammentreffen. Die alten Vampire fürchten Louis' Andersartigkeit, umgekehrt verachten Louis und Claudia sie als dekadent. Die Feindseligkeit endet in Mord und Zerstörung. Claudia wird getötet. Louis kann dem Anschlag entkommen, vernichtet aber aus Rache die Theatertruppe. Später kehrt in seine Heimat zurück. Es ist inzwischen 1994. Louis ist in der Neuzeit angekommen.

In einem Hotelzimmer erzählt er einem Journalisten seine Lebensgeschichte. Dieses „Interview“ bildet den Rahmen der Filmhandlung. Auch trifft Louis Lestat wieder. Und natürlich hat die Geschichte ein Ende, aber das verrate ich hier nicht.

Mir geht es hier um etwas anderes, nämlich um das, was Louis über Farben sagt. Er äußert sich mehrmals dazu. Denn zum Fluch der Nacht gehört, dass er als Vampir nicht nur auf die Helligkeit verzichten muss, sondern dass die Nacht ihm auch sein geliebtes Blau raubt. Das Dunkel schluckt die Farben der Landschaft.

Turner, J. M. W. 1775-1851/ Visipix

Über seiner Reise durch Europa klagt er:

„Wir erreichten das Mittelmeer. Ich hoffte, das  Wasser dort wäre blau, aber es war schwarz wie alle Gewässer in der Nacht. Wie habe ich damals gelitten.  Angestrengt versuchte ich mich an die Farbe zu erinnern, die in meiner Jugend ganz selbstverständlich für mich war.“

Dazu sieht man Claudia bei Mondschein vor einer Staffelei sitzen und mit schwarzen Strichen Landschaftsmotive auf die Leinwand malen. Es ist das, was die Nacht ihren Augen zugesteht.

Erst eine technische Errungenschaft unserer Zeit, der Farbfilm, erlöst Louis von seinem Verlust. Zweihundert Jahre hat er darauf warten müssen. Das Kino endlich gibt ihm das Vermisste zurück:

„Kein menschliches Auge kann das jemals so sehen: zuerst silbrig [gemeint ist der Schwarzweißfilm], und dann, als die Jahre durchs Land zogen, in Tönen von Lila, Rot und meinem lang entbehrten Blau.“

Während er dies sagt, beobachtet Louis auf der Kinoleinwand Superman, wie er in seinem bunten Kostüm den blauschimmernden Erdball umkreist, der aufgehenden Sonne entgegen.

Interview mit einem Vampir, Regie Neil Jordan, USA 1994

Kommentare:

  1. Interessante Gedanken zum Thema BLAU!
    Ich habe (glaub ich) echt alle Vampir und Hexen-Bücher von Anne Rice verschlungen. Und das sind eine Menge. Aber diese Blausache wäre mir nie weiter aufgefallen.

    Jap, den Film mag ich auch sehrrr gerne - Aber ich gehe allgemein gerne ins Kino. Es gibt allerdings leider wirklich nicht viele Filme die es sich lohnt mehrfach anzusehen. Und ich nerve meine Männer dann meistens wenn ich nachher über die Hintergründe oder Feinheiten diskutieren möchte... die es oft eh nicht gibt...

    LG, Klarissa

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  2. Ja, manchmal interpretiert man wohl wirklich irgendwo was hinein, was in der Intention ganz profan gedacht war. Das kenne ich. Beide Seiten. Sowohl die des "erleuchteten" Empfängers als auch die des Hab-mir-nix-dabei-gedacht-Senders. Aber manchmal zeigen sich dadurch interessante Persepektiven.

    Dann bist du also ein Fan von Gruselliteratur? Was findest du besser gelungen, das Buch zum Film oder die Umsetzung des Stoffes als Film? Ich kenne nämlich nur den Film.

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  3. Ich hatte bereits einige Bücher der Reihe gelesen wie ich den Film sah... Und ich war dann im ersten Moment sehr über die Darstellerwahl irritiert. Ich persönlich hätte Lestat und Louis eher andersrum besetzt.
    Soweit ich weiß, wurde Cruise von Rice sogar öffentlich als Darsteller für Lestat abgelehnt. - Sie hat ihre Meinung aber dann nach der Veröffentlichung des Filmes geändert.

    Bei Buchverfilmungen muß man meiner Meinung nach halt immer ein bisserl eine Abweichung vom Original erwarten oder hinnehmen.
    Das heißt aber nicht dass der Film deswegen grottenschlecht sein muß. Wie schon geschrieben, hat er mir wirklich sehr gut gefallen. (Es soll aber Leute in meinem näheren Umfeld geben, die finden meinen Geschmack manchmal etwas äh... sagen wir mal: Eigen. *g*)

    Ich kann dir leider wirklich nicht sagen was mir besser gefallen hat da es schon einige Zeit her ist dass ich den Film gesehen habe. Die Bücher habe ich gelesen bis ich alle durch hatte. Ich habe das Interview sogar einem Sohn zu Weihnachten mal in Englisch gekauft. - Noch bevor dieser Hype auf Vampirromane los ging.

    LG, Klarissa

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  4. Danke für deine ausführliche Antwort.

    Ich glaube, das Problem bei Romanverfilmungen besteht darin, dass man sich als Leser die Szenerie bereits vorgestellt hat, und selten werden sich die eigenen Bilder mit denen des Regisseurs decken. Deshalb ist die Enttäuschung programmiert.

    Außerdem sind Film und Roman zwei unterschiedliche Baustellen (durchaus technisch gemeint) mit jeweils eigenen Ansprüchen an die Umsetzbarkeit. Von daher kann es aus methodischen Gründen gar keine völlige Deckungsgleichheit geben. Im Übrigen möchte sich der Regisseur ja auch noch künstlerisch betätigen, was Eigenes schaffen, und nicht nur eine Vorlage abpausen.

    Trotzdem sehe ich nicht gern Romanverfilmungen. Ich bin jedes Mal wieder enttäuscht, wenn etwas "falsch" dargestellt wird, was ich doch "richtig" kenne. Deshalb lasse ich es lieber bleiben. Beim "Interview" hatte ich keinen Vergleich. Für mich steht der Film für sich allein.

    Ich finde es interessant, dass du den Film nicht in Bausch und Bogen verreißt, obwohl du ja den Vergleich hast. Das bedeutet, dass der Film tatsächlich neben dem geschriebenen Original einen eigenen Wert behaupten kann. Da haben Produzent und Regisseur also offenbar etwas sehr gut gelöst - zumindest für uns beide. ;-)

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