Donnerstag, 8. September 2011

Die blaue Mauritius


Man muss kein Philatelist sein, um zu wissen, was die blaue Mauritius ist – eine Briefmarke, klar. Selten ist sie und unerschwinglich, zumindest für unsereins. Dabei ist sie nicht einmal die seltenste und auch nicht die teuerste Briefmarke, doch ganz sicher ist sie jene mit der exklusivsten Aura. Die blaue Mauritius ist ein Mythos, eine feste Größe im Bewusstsein jeder modernen Generation, nicht erst seit heute und überdies weltumspannend. Das macht sie so einzigartig.

Seinen Siegeszug begann das erlesene blaue Stückchen Papier 1847, zunächst allerdings noch unspektakulär.

Mauritius war damals britische Kronkolonie. Zuvor hatten sich die Portugiesen, dann die Holländer und schließlich die Franzosen als Kolonialherren betätigt. Man betrieb Plantagenwirtschaft, Zuckerrohranbau vor allem. Dies bescherte der Insel eine gewisse Bedeutung, denn bevor der Zucker im größeren Stil industriell hergestellt werden konnte (aus der Zuckerrübe seit 1825), musste der Zucker kostenträchtig aus Übersee importiert werden. Er rangierte als Luxusgut.  
Trotzdem war Mauritius weit entfernt von überregionaler Bedeutung. Das Leben blieb landwirtschaftlich geprägt; erst vor wenigen Jahren war die Sklaverei abgeschafft worden (1835). Die Insel unterschied sich nicht vom Schicksal anderer Kolonien im Indischen Ozean.

Und doch gelang der kleinen weißen Oberschicht ein bemerkenswerter Schritt. Plötzlich hielt die Moderne Einzug. Das ferne, unbedeutende Mauritius wurde zum Vorreiter. Es ging um die Neuerung des Postverkehrs.

1840 war im englischen Mutterland die erste Briefmarke der Welt ausgegeben worden. Sie wurde – wie noch heute üblich – auf den Umschlag geklebt. In der Marke waren die Transportkosten enthalten. Dahinter stand die Idee, den Absender in Vorkasse zu nehmen, statt wie bisher beim Empfänger, beim Aushändigen des Briefes das Porto einzutreiben.

Nur sieben Jahre später schon hatte die Kolonie Mauritius ihre eigenen beiden Briefmarken. Damit war sie die erste britische Kolonie und das fünfte Land weltweit, das dem englischen Beispiel folgte. Nur die USA (lokal), Brasilien und die damals noch unabhängigen Schweizer Kantone Zürich und Genf waren schneller. Die erste deutsche Briefmarke kam erst zwei Jahre später, 1849, im Königreich Bayern heraus.

Mauritius: MaltaToday/Philip Cachia

Mauritius hatte sich für zwei Briefmarken entschieden. Die 1-Penny-Marke war rot und für den innerörtlichen Postverkehr bestimmt, die 2-Penny-Marke war blau und deckte alle anderen Zielorte ab. Beide Marken zeigten das Porträt der jungen Königin Victoria. Die erste Serie der blauen und roten Mauritius umfasste je 500 Stück.

Doch schon ein Jahr später erwiesen sich die Vorräte als zu kurz gegriffen. Eine zweite Serie wurde gedruckt. Zwar blieb das Design erhalten, doch änderte sich jetzt am linken Rand die Aufschrift. Während auf der Originalserie dort noch „POST OFFICE“ (also „Postamt“) gestanden hatte, war dort nun „POST PAID“ („Inklusive Porto“) zu lesen.

Genau hierin liegt der Wert der blauen und roten Mauritius. Ist von diesen beiden Marken die Rede, sind gemeinhin die Exemplare dieser ersten Serie gemeint, also jene Originale von 1847 und nur echt mit dem „POST OFFICE“-Schriftzug links am Rand (siehe Foto).

Heute sind weltweit von beiden Marken der ersten Serie lediglich noch 27 Stück bekannt. Natürlich trägt die geringe Stückzahl zu ihrem hohen Marktwert bei, aber der alleinige Grund ist dies sicher nicht. Denn Ereignisse entwickeln ihre eigene Dynamik. Während manches in der Versenkung verschwindet, gelangt anderes ins kollektive Gedächtnis. Zufälle spielen dabei ebenso eine Rolle wie anders motivierte Impulse. Objektiv ist nichts daran, erst recht nicht an der Entstehung von Mythen.

Die blaue und die rote Mauritius sind schon früh zu Sammelobjekten geworden. Mit der Verbreitung der Briefmarken fanden sich Liebhaber, erste Kataloge gewährten Überblick (1860), Sammlerzeitschriften kamen auf den Mark – die Philatelie entstand. Vielleicht begünstigte ein Märchen die Popularität der Mauritius-Marken. So hieß es lange, der „POST-OFFICE“-Aufdruck sei aus Versehen auf die Druckplatte gelangt, weil sich der Graveur vertan hatte. Dadurch wurden die Marken zum begehrten Kuriosum, ähnlich den Fehldrucken. Heute weiß man, dass dies nicht haltbar ist. Dem Siegeszug tat dies keinen Abbruch. In unseren modernen Zeiten kamen sowohl Exemplare der wenigen noch erhaltenen postfrischen Mauritius-Marken unter den Hammer als auch gebrauchte samt den dazugehörigen gestempelten Umschlägen. Die Preise erreichten Dimensionen von 200.000 Euro bis 4 Millionen Euro.

Neben Privatpersonen (z. B. der Queen) besitzen heute auch Museen einzelne Exemplare, so in London und Den Haag. Auch in Deutschland sind zwei beheimatet: eine gebrauchte blaue Mauritius und eine gebrauchte rote. Sie befinden sich im Museum für Kommunikation in Berlin.

Dort ist außerdem gerade eine besondere Rarität zu sehen. Die Ausstellung „Das Treffen der Königinnen“ zeigt 18 der weltweit insgesamt noch vorhandenen 27 Mauritius-Marken. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. September 2011. 

Foto blaue Mauritius: Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons


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