Donnerstag, 22. September 2011

Die blaue Stunde

Die Franzosen sagen: „Entre chien et loup“. Zweimal am Tag befinden wir uns „zwischen Hund und Wolf“: am Morgen, bevor die Sonne aufgeht, und am Abend, nachdem sich die Sonne verabschiedet hat, aber noch bevor die Nacht alles in Schwarz hüllt.

Die Dämmerung dauert in unseren Breitengraden 30 bis 50 Minuten. Der Himmel ist von intensivem Mittelblau, manchmal auch gemischt mit Gold- oder Lilatönen. Das blaue Licht wird verursacht durch die Ozonschicht. Damit ähnelt es zwar dem Blau im Sonnenlicht, ist aber anderen physikalischen Ursprungs.

Dem Betrachter mag dies egal sein. Die Dämmerung hat ihre eigene Faszination. Nicht umsonst gibt es unzählige Fotos, die diesen Moment festhalten – oder es zumindest versuchen. Den richtigen Augenblick zu erwischen stellt eine Herausforderung dar: nicht zu früh, wenn noch zu viele helle Farbstreifen die Harmonie verwässern, aber auch nicht zu spät, wenn schon alles einen Tick zu düster und zu konturlos geworden ist.

Ich selbst kann solche Fotos nicht machen. Ich verstehe nicht genug von der Technik, als dass ich wüsste, mit welcher Blende ich wann und wo arbeiten sollte. Aber ich habe im Netz grandiose Fotos gefunden von Leuten, die das beherrschen – von einem bestechenden Blau, das mich ins Schwärmen bringt. Drei davon möchte ich euch zeigen.

Paulo Brandão
Die Basilika del Pilar in Zaragoza, Spanien

Guillermo Fdez
Die Brücke Vasco da Gama in Lissabon, Portugal

MrDanielSan
Hagen

„Zwischen Hund und Wolf“ symbolisiert den Übergang zu etwas Neuem, Wildem oder Archaischem, vielleicht auch zu etwas Bösem. Niemand weiß, was die Nacht bringen wird. Andererseits ist die blaue Stunde, so wie in Deutschland dieser Tagesabschnitt einst genannt wurde, die Zeit der Einkehr und Ruhe. Die Arbeit ist vollbracht, nun ist Feierabend.

Heutzutage spricht man von „Happy Hour“, wenn man etwas Ähnliches meint. Doch neben der eher gastronomischen Bedeutung fehlt dem Begriff die Poesie: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes keine Farbe mehr im Spiel, die Vorstellungskraft braucht sich nicht mehr mit dem Dunklen, dem Mystische zu befassen, nicht mit dem, was in der Nacht auf uns zukommen mag, und nicht mit dem, was wir selbst an destruktivem Wandeln in uns tragen und im Schutz der Dunkelheit ausleben mögen. Heute ist alles „glücklich“, unbeschwert, ungefährlich. Man sitzt in der Kneipe und trinkt Alkohol. Der auch äußerlich sichtbare Wechsel im Tagesrhythmus ist aus der Sprache verschwunden.

Vollends irritierend wird es aber, wenn sich gleich die gesamte Dämmerung verabschiedet. Als Mitteleuropäer sind wir verwöhnt. Die herrlichen Blau- und Lilatöne dürfen wir oft und recht lange genießen, sofern wir wollen und der Himmel klar ist. Kommt man dann in tropische Länder, wird man enttäuscht sein. Je näher am Äquator, desto kürzer die Dämmerung. Der Übergang vollzieht sich kurz und brutal: eben noch heller Sonnenschein, jetzt schwarze Nacht. Und dazwischen? Nichts, was einem aufgefallen wäre, geschweige denn begeistert hätte.

Ich habe in Südamerika zum ersten Mal in meinem Leben einen Nachthimmel gesehen mit so vielen Sternen, dass man leicht von einer Tupfentapete hätte sprechen könnte. Das war beeindruckend. Kein Lichtschein einer fernen Stadt am Horizont störte das Schwarz, das noch wirklich ein Schwarz war. Doch das Blau und das Lila unserer Dämmerung dagegen einzutauschen, das wäre kein akzeptabler Handel gewesen.

Und wie haltet ihr es? Benutzt ihr den Begriff „blaue Sunde“ noch, oder verbindet ihr ganz andere Assoziationen mit der Dämmerung?


Kommentare:

  1. Uiuiui, wenn ich über die blaue Stunde länger nachdenke, dann schreibe ich auch viel dazu, und das würde fast schon ein Blog-Eintrag. Also in Kürze:

    Ich liebe die blaue Stunde. Was genau daran ist, weiß ich nicht, aber zur blauen Stunde komme ich am besten zur Ruhe und zum Loslassen. Vielleicht das Gefühl, wie du es beschrieben hast: Einkehr und Ruhe nach dem Arbeitstag.

    Die Morgendämmerung ist für mich nicht halb so faszinierend - vielleicht, weil bei uns gen Osten so viel Schwarzwald den Blick auf den Himmel verstellt, während die Rheinebene viel mehr Abendhimmel zur Verfügung hat. Man könnte meinen, ich hätte inzwischen genügend Abendhimmel-Bilder gemacht, aber ich renne trotzdem immer wieder auf den Balkon, um die schönen Farben festzuhalten.

    Dabei komme ich recht weit mit einer guten Aufnahme-Automatik (danke, liebe Kamera! ;-)) oder wenn ich bewusst fotografiere, mit Stativ und langer Belichtungszeit. Die Profis greifen da zu Belichtungsreihen und entsprechender Software beziehungsweise gleich zu Spezialkameras.

    Beim Sternenhimmel-Gucken bin ich übrigens mal über ein Schaf gefallen. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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  2. Ich finde auch, die Dämmerung abends ist was anderes als morgens. Vielleicht kann ich mit dem Sonnenaufgang nicht viel anfangen, weil Farben gucken zur Freizeit gehört, aber morgens die Termineinhaltung im Vordergrund steht. Die blaue Stunde hat eindeutig mehr von Ruhe und Entspannung.

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  3. Der Begriff "Blaue Stunde" war mir zwar bekannt, aber ich hätte ihn jetzt ganz sicher nicht so aus dem Stehgreif erklären können.
    Deine ausgewählten Bilder sind wunderschön, sie haben etwas wunderbar Beruhigendes - und hätten ruhig zum Größerklicken sein können! *g*

    Ich gehe gerne in der Dämmerung mit den Hunden. Das ist dann ganz einfach ein schöner, ruhiger Tagesausklang. Allerdings hat diese liebgewonnene Gewohnheit ihre Tücken. Wenn die Tage wieder kürzer werden.
    Ich stehe nämlich nicht so gerne im Dunkeln mitten im Wald...

    LG, Klarissa

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  4. Ich hab den Begriff "Blaue Stunde" noch nie gehört, aber er gefällt mir sehr gut. Ich bin ein grosser Dämmerungs Fan. Aber ich wohne nun in der USA, wo es auch wunderschöne Sonnenuntergänge gibt, aber es dann schnell einfach dunkel ist.

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  5. @ Klarissa. Danke schön. Die Fotos sind ja nicht von mir, aber auch auf mich wirken sie sehr friedlich und entspannend. Wie man sie auf groß klickt, damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Ich bin schon froh und sehr dankbar, dass es noch Leute gibt, die ihre Fotos unter Creative Commons zur Verfügung stellen. Andernfalls müsste ich diesen Blog hier dichtmachen.

    Im Dunkeln im Wald würde ich auch nicht spazieren gehen wollen, selbst wenn die Hunde dabei wären. Ich bewundere die Leute, die im Winter morgens um halb sechs durch die stockwinstere Nacht laufen. Gut, die Hunde müssen raus, aber trotzdem. Brrrr ... kalt.

    @ Ina. Hallo! Schön von dir zu hören. Ich bin neulich durch Zufall auf euren Blog gestoßen. Ich finde es interessant, was ihr so alles erlebt. Ich habe sonst keine Verbindung zu den USA, gerade deshalb finde ich eure persönliche Sicht so spannend. Ihr macht das sehr abwechslungsreich. Nach und nach werde ich auch die älteren Einträge nachlesen.

    Jetzt hätte ich fast gesagt, um Bosten herum müsste die Dämmerung eigentlich viel länger dauern als bei uns, weil ihr doch viel weiter nördlich seid, aber das stimmt ja gar nicht. Das täuscht. Wir liegen fast auf der gleichen Höhe. Ich habe extra im Atlas nachgeschaut.

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Gern. Sag was dazu, danke dafür