Donnerstag, 29. September 2011

Dienstag ist blau, Mittwoch grün

Ich denke schon lange darüber nach, wie ich eigentlich denke. Denke ich in Bildern oder in Worten? Oder gar in Mustern?

Fest steht, dass es nicht nur eine Art des Denkens gibt. Menschen sind darin unterschiedlich, und zwar nicht, weil sie es sich aussuchen, sondern weil die Natur darüber entscheidet. Es ist das neurologische Programm, das in jedem von uns angelegt ist. Wir bedienen dieses Programm und vermutlich nehmen mir automatisch an, dass jeder um uns herum es genauso handhabt wie wir selbst.

Ich finde es sehr schwierig, über ein derart abstraktes Thema zu schreiben. Ich bin kein Mediziner, ich habe keine Bilder aus dem Kernspin vor mir liegen, woran ich Unterschiede in der Gehirnfunktion erklären könnte (was ich sowieso nicht beherrsche), und ich kann natürlich nicht wissen, ob das, was ich in bestimmte Worte fasse, inhaltlich tatsächlich identisch ist mit dem, was andere mit den gleichen Worten bezeichnen. Ich kann schließlich nicht in meines Nachbarn Hirn schauen und er nicht in meins.

Daher tu ich mich schwer mit Definitionen. Ich kann zum Beispiel wenig anfangen mit der Kategorie „Muster“ – vermutlich weil sie nicht auf mich zutrifft. Wie äußert sich denken in Mustern?

Grob gesagt scheint es sich um eine Schematisierung zu handeln. Die Betroffenen denken  vornehmlich in (geometrischen) Formen, wiederkehrenden Strukturen, Gesetzmäßigkeiten oder schlicht gesagt: abstrakt. Darunter findet man Musiker ebenso wie Mathematiker. Auch hier das Bild von van Gogh mag als Beispiel dienen, besonders die Darstellung der Wolken und der Felder. Eine realistische Wiedergabe mit individuellen Details ist gar nicht beabsichtigt. Hier dominiert die Verallgemeinerung, das Schematische vor dem Konkreten.

 Gogh, Vincent van 1853-1890/Visipix

Wenn ich für mich also das Denken in Mustern vernachlässigen kann, bleiben das Denken in Bildern und das Denken in Worten.

Doch hier stoße ich an meine Grenzen. Ich kann beim besten Willen nicht entscheiden, was zutrifft. Denn es gibt Bereiche, wo ich intensive, geradezu fotorealistische Szenen vor mir sehe, so als würde ich im Kino sitzen und einen technisch einwandfreien Film betrachten, und dann wieder sind meine geistigen Bilder nur blass und schemenhaft.

Nicht lange her wurde ich am Telefon für eine wissenschaftliche Studie befragt. Ich sollte mir eine Rose vorstellen, ob mir das gelänge. Und dann sollte ich die Rose im Geiste drehen: „Kriegen Sie das hin?“ – Nun, eine Rose zu visualisieren schaffe ich, aber sie befindet sich nicht in einer Szene, zum Beispiel nicht in einer Vase auf einem Tisch vor einer Fensteraussicht. Meine Rose ist gedruckt, also nur zweidimensional, rot auf mittelgrünem Hintergrund, und wenn ich sie drehe, sehe ich das Ausgangsbild (Knospe frontal zu mir) sowie das Ergebnis (Knospe zeigt nach links), doch die Schritte dazwischen, die Bewegung, die sehe ich nicht.

Dittmeyer
 Ein so komplexes Szenario würde mir nicht als Erstes einfallen, wenn ich das Wort "Rose" höre

Andererseits träume ich sehr farbenfroh und in detaillierten, realistischen Abläufen. Hier fehlt keinerlei Bewegung, auch ist alles schön dreidimensional, so wie es sich gehört. Selbst die wenigen Horrorvorstellungen, die mein Leben begleiten, sind gekleidet in beste Filmqualität. Als Kind hatte ich eine Heidenangst, beim Turnen in der Schule an einer der wadenhohen Bänke hängen zu bleiben. Ich sah mich jedes Mal wie eine Prophezeiung vornüberkippen und geradewegs auf meine Zahnspange knallen. Heute hat sich dieses Bild auf Stufen verlagert. Ich kann gern auf mein überaus naturalistisches Kopfkino verzichten, wenn ich eine Treppe hinabsteige und mich bereits in der Vorschau mit verdrehten Knochen auf dem Absatz liegen sehe.

Ich vermute, dass die Sprache dann doch den größten Raum in meinem Denken einnimmt. Wenn ich einen Roman lese, bleiben die Szenen im optischen Sinn nebensächlich. Ich weiß, was Bananen sind, deswegen taucht jedoch nicht automatisch eine Obstschale vor meinem geistigen Auge auf. Trotzdem vermisse ich nichts, meine Welt ist dennoch vollständig.

Ich handhabe Worte so, wie in der Schule das Vokabellernen seine Früchte trug. Anfangs hatte ich noch alles mühsam  1 : 1 übersetzen müssen: the table – der Tisch. Dabei war es hilfreich gewesen, mir tatsächlich ganz konkret einen Tisch vorzustellen; die Bedeutung blieb dann eher haften. Doch irgendwann waren diese Schritte nicht mehr nötig. Der Geist verband das Wort jetzt selbstständig mit der richtigen Übersetzung, ohne dass ich bewusst etwas dazu hätte beitragen müssen. Nach diesem Prinzip denke ich also in Sprache. Mir reicht das abstrakte Wissen um die Bedeutung eines bestimmten Wortes, so wie es in unserem Sprach- und Kulturkreis festgelegt wurde; mir dagegen zusätzlich den Inhalt optisch zu vergegenwärtigen brauche ich dabei nicht. Darin unterscheide ich mich von den reinen  „Visual thinkern“, denn die übersetzen nämlich immer erst – wie beim Vokabellernen – das Wort in konkrete Bilder, bevor sie damit etwas anfangen können.

Vielleicht gibt es ja Mischformen. Darüber bin ich leider nicht informiert. Ich habe auch nirgend etwas übers Rechnen gelesen. Gibt es Menschen, die in Bildern rechnen?

Nun, zumindest bei mir ist es so, und darüber bin ich mir ausnahmsweise sehr klar bewusst. Ich kann keine mathematische Aufgabe lösen ohne Visualisierung. Selbst im Supermarkt an der Kasse sind die Geldbeträge, die man mir abverlangt, erst einmal in mentale Bilder umgewandelt, bevor ich ins Portemonnaie greife und die entsprechenden Scheine und Münzen zusammentrage. Damit ist nicht nur gemeint, dass ich mir eine sechs als Ziffer vorstelle, sondern obendrein benutze ich ein eigenes optisches Orientierungssystem. Darauf sind alle Zahlen angeordnet. Ich habe einmal versucht, es aufzumalen:


Von 1 bis 10 geht es also geradeaus, dann bis 20 waagerecht nach links und dann immer in Zehnerschritten leicht versetzt wieder geradeaus. Bei 100, 200, 300 usw. wiederholt sich der Linksschlenker. Wenn ich eine Rechenaufgabe lösen soll, so wie hier zum Beispiel die Addition auf dem rechten Bild, dann suche ich im Geiste zunächst die erste Zahl. Ich sehe, wo sie positioniert ist in meinem Ordnungssystem. Dann suche ich die zweite Zahl und dann erst beginnt die eigentliche Aktion, das Addieren. Das Ergebnis wiederum besteht natürlich ebenfalls aus einer bestimmten Zahl, die ihrerseits einen festen Platz auf meiner persönlichen Skala einnimmt. Auch sie sehe ich als optisch vorhandene Ziffer an ihrem angestammten Ort.

Ich mache diese mentalen Kapriolen nicht mit Absicht und schon gar nicht aus Gründen einer irgendwie missverstandenen Kreativität. Nein, ich muss es so handhaben, weil ich es nicht anders kann. Wahrscheinlich ist dies auch einer der Gründe, warum ich so elendig schlecht bin in Mathematik. Was mir alles bereits in der Grundschule entglitt, hat schon damals alle Welt die Hände überm Kopf zusammenschlagen lassen. Es ist nicht unbedingt unlogisch, was ich rechne, aber es ist umständlich und vor allem dauert es lange.

Ein anderes optisch festgelegtes System benutze ich für den Jahresablauf. Sobald ich das Wort April höre oder lese, wird der Monat bildlich einsortiert. Dazu sind die Monate auf einem Kreis angeordnet wie bei einer Uhr, nur dass mein Jahr nicht bei 12 Uhr beginnt, sondern unten bei 6 Uhr. Jetzt, Anfang Oktober, bin ich mental also „rechts mittig“.


Auch die Wochentage haben ihre feste bildliche Struktur. Hier sind es wiederum eckige Formen wie auf einer Straße mit einer größeren Stufe im gleichbleibenden Abstand. Hiernach ist meine Woche aufgeteilt. Am Freitag wartet schon rechts im Bild der „Balken“ von der Stufe zum Samstag. Ich sehe ihn, er ist ganz konkret vor meinem geistigen Auge vorhanden.


Solche Bilder entstehen unwillkürlich, wann immer die dazugehörigen Worte mein Denken berühren. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich sie mir bewusst zugelegt hätte, etwa als Eselsbrücke zur besseren Handhabung. Sie sind einfach da; woher und seit wann, weiß ich nicht.

Ehrlich gesagt, manches daran finde ich ein wenig skurril. Anderes dagegen ist  hübsch: die Sache mit den Wochentagen zum Beispiel. Die haben nämlich zusätzlich noch Farben. Jawohl. Der Montag ist rot, der Dienstag blau, der Mittwoch grün, der Donnerstag braun, der Freitag grau, der Samstag orange und der Sonntag gelb. Auch daran ließe sich nichts ändern, Farben tauschen oder dergleichen. Auf gar keinen Fall. Mein Gehirn würde es nicht anders haben wollen.


Kommentare:

  1. Phu, übers Denken nachzudenken, etwas das eigentlich so ganz nebenbei und ohne großes Nachdenken passiert - ist gar nicht so einfach.

    Ich habe schon zur Schulzeit mit Eselsbrücken "gearbeitet". Das sind aber bewusst eingesetzte Hilfen.

    Dein Gehirn ist angenehm kreativ - meines braucht meistens einen kräftigen Schupps meinerseits sich etwas einfallen zu lassen damit ich nichts durcheinander bringe und es mir besser merke.

    Wenn ich lerne, wird unterstrichen und bunt eingerahmt. Das hilft!
    Die Pinnwand beim Schreibtisch ist voller Schummelzettel weil ich z.B. den Erklärungswortschwall meines Sohnes zum Thema PC immer erst für mich verständlich aufschreiben (aufzeichnen) muss - um es dann selber (irgendwann) automatisch anzuwenden.
    Meine nervige Rechenschwäche habe ich ebenfalls immer mit Eselsbrücken (und Schummelzetteln *g*) erfolgreich verschleiert... Dyskalkulie war zu meiner Schulzeit noch kein Thema. Geometrie habe ich übrigens geliebt...
    Kopfkino ist bei mir wunderbar dreidimensional. Auch die Obstschale die ich mir gerade vorstelle - und soweit ich mich erinnere, auch meine Träume.

    LG, Klarissa

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  2. Neue Informationen muss ich mir auch immer erst individuell zurechtbasteln, damit ich sie mir merken kann. Meistens schreib ich es auf. Am schlimmsten finde ich jene Leute, die einem am PC was erklären und Tastenkürzel benutzen. Bei denen geht alles zipp-zipp-zipp, schon haben sie unten was gedrückt und oben geändert, aber ich krieg so schnell nicht mit, was. Ich arbeite lieber mit der Maus - auch wenn's länger dauert.

    Zu meiner Zeit hat auch noch niemand über Dyskalkulie geredet. Bist du sicher, dass es auf dich zuftrifft? Ich habe nämlich auch mal darüber nachgedacht. Aber soweit ich gelesen habe, verwechseln die Betroffenen gern mal Zahlen oder schreiben sie verkehrt herum, so wie Legasteniker Buchstaben umdrehen. Das habe ich nie gemacht. Auch bin ich in Geometrie genauso schlecht wie in Algebra.In meinem Fall bin ich diesbezüglich wahrscheinlich nur ausgesprochen mies talentiert, ohne spezielles neurologisches Handycap. Das soll's ja auch geben. ;-)

    Hm, du siehst die imaginäre Obstschale ohne Probleme? Ich muss mich dazu anstrengen, und dann finde ich das Ergebnis immer noch unteroptimal. Ist schon interessant, wie unterschiedlich es die Menschen handhaben.

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  3. Jap, sehr interessant!
    Zu meiner Zeit wurden keine Diagnosen gestellt. Ich hatte in der Schule Rechnen bis zu dem Zeitpunkt gehasst an dem wir den Taschenrechner verwenden durften. (Wodurch das Problem aber sicher nicht besser wurde). Dyskalkulie wurde mal bei meinem jüngsten Sproß bei einem Test diagnostiziert... und ich dachte damals halt dass er das sicher von der total zahlenunterbegabten Mama haben muss...
    LG, Klarissa

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  4. Ich glaube, das Gehirn und seine Arbeit sind mit das Rätselhafteste und Spannendste, womit sich die Forschung beschäftigen kann.

    Dyskalkulie (aber auch die Dyslexie/Legasthenie) ist nicht nur im "Verdrehen" oder "Verwechseln" von Buchstaben begründet. Beides liegt darin, dass Betroffene die Logik im Lesen/Schreiben oder Rechnen nicht nachvollziehen können. Was wieder sehr unterschiedliche genetische oder aber auch entwicklungsbedingte Ursachen haben kann.

    Inzwischen kümmern sich sehr viele Schulen intensiv darum, wie bei den Kindern die jeweiligen Denkprozesse ablaufen. Oft kann man, wenn man die subjektive Logik zu fassen bekommt, den Weg frei machen zum Lesen oder Rechnen.

    Ich fand es immer spannend, wenn meine Tante (Lehrerin in einer LRS-Klasse, die dann geöffnet wurde für andere Lernschwächen) über "ihre Spezialisten" berichtet hat - und über Erfolgsgeschichten, die in früheren Schulstrukturen nicht möglich gewesen wären.

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  5. Generell ist es sicher positiv, wenn die Schulen heute genauer hinschauen. Früher gab's nur: "Er kann das", "Er ist dumm" oder "Er ist faul". Besonders irritierend wurde es, wenn das Profil uneinheitlich war (so wie bei mir), der Schüler also manches überhaupt nicht konnte, dafür aber in anderen Disziplinen gute Leistungen brachte. Dann konnten die ersten beiden Urteile schon mal nicht hinhauen. Also was blieb? Das Kind ist renitent, hat keine Lust zum Kapieren. Da lobe ich mir doch solche furchtbaren Worte wie Dyskalkulie und Legasthenie. Sie machen wenigstens eine neue Schublade auf, und die kann für die betroffenen Kinder heilsam sein. Platz zum Durchatmen, nicht wahr?

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  6. Hallo Alle miteinander,
    Das mit den Farben und Wochentagen kenne ich, bei mir ist der Montag braun, der Dienstag hellgrün, der Mittwoch weiß, der Donnerstag schwarz, der Freitag weiß,der Samstag braun und der Sonntag blau und das schon so lange ich denken kann.
    habe mal einen Bericht gesehen,in dem von Leuten berichtet wurde, die eine feste Farbgebung für Zahlen, Wochentage und ähnliches haben und da gab es auch einen wissenschaftlichen Begriff dafür. Auf der Suche nach diesem Begriff stieß ich auf diese Seite.vielleicht kennt ja hier jemand den Begriff dafür.

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  7. Hallo,

    meinst du vielleicht Synästhesie, die Koppelung von zwei oder mehreren Sinneseindrücken? Z. B. die Belegung von Tönen mit Farbe? Die Zweitempfindungen heißen Photismen.

    Viele Grüße
    Blaugrün

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  8. Hallo, na das ging ja schnell, a ich glaube das war es. Danke, bis zu diesem Bericht,den ich sah, glaubte ichimmer es ginge nur mir so,es is schon erstaunlich,was das menschliche Gehirn einem so zu bieten hat.Mein Son hat zum Bsp. ein photografisches Gedächtnis und im Gegensatz zu mir hat ihm das sehr viel genützt,er hatte probleme mit der Rechtschreibung und es hieß damals das würde auch immer so bleiben, denn er sei Legasteniker. Dem ist(kann ich heute sagen) nicht so.Er hat sehr viele Bücher gelesen und durch das Photogr. Gedächtnis konnte er sich so die richtige Schreibweise aneignen.Ich weiß mit meiner Eigenschaft leider nichts anzufangen.

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  9. Hmmm ... ich habe ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht, was ich mit meiner Eigenart anfangen kann. Für mich ist sie "normal", daher nehme ich sie als gegeben hin, als persönliche Variante, so wie jemand den Telefonhörer lieber ans linke Ohr hält und der andere ans rechte. Beides führt zum Ziel, und man muss nicht begründen, warum man sich für einen der Wege entscheidet. Mittlerweile habe ich aber eingesehen, dass es sich bei den Synästhesien um etwas handelt, das den meisten Menschen fremd ist.

    Die Wochentage sind der einzige Bereich, den ich farbig sehe. Buchstaben als solche sind für mich farblich neutral, wenn es auch bestimmte Farbgebungen gibt (z. B. wie sie in Zeitschriften abgedruckt sind), die ich als passender empfinde oder als unsympathischer. Töne sind für mich gänzlich ohne Zweitempfindungen verbunden.

    Die Form der Synästhesie, die ich oben im Artikel beschreibe, nennt sich Time-Space-Synästhesie. Dabei wird Zeit (Wochentage, Monate, Jahre) mental kartografiert als visuelle Schemata. Diese inneren "Landschaften" sind unveränderlich und treten automatisch auf, sobald sich mein Gehirn mit Zeitkategorien befasst. Das Gleiche passiert mit Zahlen.

    Ich kenne auch eine Legasthenikerin, die ihr Manko durch Auswendiglernen kompensiert. Das funktioniert recht gut im Alltag. Sie schneidet dabei nicht schlechter ab als der Durchschnitt, der ja auch nicht fehlerfrei ist.

    Siehst du Buchstaben in Farben? Oder hast du noch andere Synästhesien? Zum Beispiel riechen oder schmecken?

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