Donnerstag, 15. September 2011

Herbstfarbenarithmetik oder: Grün + Blau = Pink

Nein, bewusstseinserweiternde Substanzen sind nicht notwendig für diese ganz besondere Farbenlehre. Oder vielleicht doch? Denn allein der Duft von Grün und Blau, die sich auch blanc und noir nennen, kann einen besoffen machen. Der "weiße" Muskateller und der "schwarze" Pinot (vulgo Spätburgunder) erwarten also die Hobbywinzer zur Lese. Blau und Grün gibt es heute einmal zum Anfassen, anstatt am Schreibtisch Farben zu "korrigieren" – heute ist alles real, nicht virtuell. Dieses Blau und dieses Grün sind von Mutter Natur geschaffen, und wer wollte sich anmaßen, besser zu sein als sie?

Ich bin ein Stadtrandkind, aufgewachsen da, wo sich der Stadtrand noch daran erinnern kann, dass er vor nicht langer Zeit mal Dorf war. Die "von hier" hängen an ihrer eigenen Scholle, nicht zuletzt, weil es Zeiten gab, in denen der eigene Garten die Familien versorgen musste. Aus diesen Zeiten, als der Großvater noch Obstbauer war, nennt sich unser Garten auch noch Landwirtschaft. Etliche seiner Bäume erinnern noch daran, und zum Gedenken an ihn wurde auch der neue Weinberg angelegt. Jetzt haben wir den größten Weinberg in unserer Straße. (Wir haben den einzigen.) Es ist nur ein Weingärtchen, das dem echten Winzer ein nachsichtiges Schmunzeln entlockt, weil er damit allenfalls zwischen dem Znüni-Vesper [1] und dem Mittagessen beschäftigt wäre. Wenn er trödelt. Aber es sind immerhin so viele Stöcke, dass eine Familie einen Familientag daraus machen kann.

© Nel Blu
Jeden Sommer wird die Ernte gegen potenzielle Feinde verteidigt. Noch schärfer wird auf die Reben aufgepasst, seit es einmal einem Dachs gelungen ist, einen kompletten Jahrgang zu vernichten. Eine ganz eigene Art von Obstbauern-Paranoia befällt uns regelmäßig, spätestens ab Mitte August. Sind da etwa Fraßspuren an den Trauben? War es wirklich der Dachs? Der Nachbar zur Rechten grinst so verdächtig, so gesättigt ...

Dann hat man es doch geschafft. Nur ein bisschen Schwund ist dieses Jahr, das verbucht man als Tribut an den heiligen Franziskus. Man ahnt in den Arien einer dicken Amsel eine gewisse Weinseligkeit und leistet im Stillen Abbitte beim Nachbarn zur Rechten.

Drei Familienmitglieder und eine abenteuerlustige Hilfskraft machen sich auf, bewaffnet mit Rebscheren, Eimern und Tatendrang. Den Weg "aus der Traube in die Tonne, aus der Tonne in das Fass" sollen die grünen und die blauen Beeren heute endlich nehmen. Wir summen das Trinklied vor uns hin auf dem Weg in die Reben, der Text sitzt, doch die Töne treffen wir eher minder als mehr. Die dicke Amsel nimmt Reißaus.

Aus der Traube in die Tonne, von der Tonne in das Fass,
aus dem Fasse dann, o Wonne, in die Flasche,
aus der Flasche in das Glas.
Aus dem Glase in die Kehle, in den Magen, in den Schlund,
und als Blut dann in die Seele, und als Wort hierauf zum Mund.
Aus dem Worte etwas später formt sich ein begeistert Lied,
das auf Wolken in den Äther mit des Menschen Jubel zieht.
Und im nächsten Frühling wieder fallen nun die Lieder fein
nun als Tau auf Reben nieder, und sie werden wieder Wein.
(M: Kurt Lissmann, T: Theobald Kerner)

So ist zumindest der Plan. Das Lied verstummt bald über der Arbeit. Jeder hat seinen eigenen Lesebereich und ist in seinem Tun für sich. Hin und wieder teilt jemand seine Freude über eine besonders schöne Traube. Oder es gibt ein „mmmh“ zu hören – so ganz ohne Umwege über Tonne und Flasche direkt in den Schlund, das muss zwischendurch auch erlaubt sein. Mutter Natur freut sich über jedes „mmmh“, da bin ich mir sicher. Kann man denn treffender ausdrücken, wie sehr man schätzt, dass sie Jahr für Jahr Sonnenlicht so bündelt, dass man es essen und trinken kann?

© Nel Blu
Mit den letzten Sonnenstrahlen des Lesetages ist es so weit. Als Trauben gehen sie in die Mühle hinein, Beeren und Saft kommen heraus und als Maische finden sie sich in der Kelter wieder. Diese Arbeitsgänge vor dem Fass beschreibt das Lied nicht. Der frische Traubensaft, der aus der Presse rinnt, ist unser ganz spezieller neuer Süßer, der "Muskagunder", ein Verschnitt zwischen den Rebsorten, weil die Menge nicht reicht, um die Rebsorten getrennt auszubauen. Neu ist er. Süß ist er. Und er ist pink. Ja, pink. Das erste Glas wird noch an der Kelter geteilt, die Presse für die Nacht gerichtet, dann wird erklärt: Jetzt ist Feierabend.

Ein gutes Brot und ein Krug von dem, was einmal Wein werden will, das ist die Belohnung für den heutigen Tag. Für die Mitte des Vesperbretts hat Mutter noch zwei der schönsten Trauben abgezweigt: eine grüne vom Muskateller, eine blaue vom Burgunder.

Und so teile ich diesen Tag hier mit euch und schenke euch ein wenig Grün und ein wenig Blau zum Anfassen, zum Anschauen, zum Riechen und Schmecken.

[1] morgendliche Zwischenmahlzeit in der Schweiz und im Schwarzwald
© Nel Blu

Nel Blu
Über die Gastautorin:

Nel Blu stammt aus dem Lebens- und Kulturkreis der Alemannen, auch wenn durch einen preußischen Opa das Oberrhein-Vollblut ein bisschen verwässert wurde. Sie liebt Buchstaben und Bilder und träumt davon, eines Tages den großen Roman zu verfassen. Da sie aber über jedes A ins Schwärmen gerät und darüber meist vergisst, B zu sagen, wird das noch eine Weile dauern.

Kommentare:

  1. Schöner und lustiger Weinlesebericht. :-)
    Hoffentlich wird es endlich was mit dem Roman!

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  2. Och, hetzen Sie mich doch nicht so, Herr Nym! ;-)

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  3. Deinen Roman kauf ich garantiert!
    L.G. Diva ( die auch manchmal davon träumt ein Buch zu schreiben) :)

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  4. Vielen lieben Dank, Diva. :) Dann drücke ich die Daumen, dass du den Traum wahr machen kannst.

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  5. Danke, dass du uns von diesem schönen Tag auch etwas zum Lesen mitgebracht hast.
    Ich hatte das Gefühl dabei zu sein. Nur dass meine Muskeln von der (ungewohnten) Arbeit jetzt nicht schmerzen. *g*

    Ich hoffe wir werden es erfahren, wenn dein Roman bereit fürs Puplikum ist. Lass uns doch möglichst bald an deiner Freude an den Buchstaben und den Bilder teilhaben!

    LG, Klarissa

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  6. Klarissa, danke für deinen Kommentar. Ja, ich bin immer dafür, dass die Welt mit gutem Lesestoff bereichert wird. Sowohl in Flaschen als auch als Buchstaben-Häkelwerk. *g*

    Aber beides braucht Zeit und Hingabe. ;-)

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Gern. Sag was dazu, danke dafür