Montag, 26. September 2011

Lesen im Grünen

Ich lebe in Hannover und dies ausgesprochen gern. Natürlich kenne ich die süffisanten Bemerkungen jener, die in einer wahren Großstadt leben und auf uns provinzielle Dorfdeppen herunterschauen. Wir hätten keine eigene Identität, kein aufregendes Kulturleben, und spätestens um 22.00 Uhr würden wir schon längst neben unsern hochgeklappten Bürgersteigen vor uns hin schnarchen.

Wirklich? Ist das so? Eins jedenfalls kann uns niemand absprechen: Wir sind freundliche Menschen. Damit meine ich die Atmosphäre, die einen auf der Straße, im Geschäft oder in der U-Bahn umweht. Glaubt mir, ich kenne gegenteilige Beispiele, auch aus Städten mit angeblich ach so coolem Flair. Hier aber kann jeder so leben, wie er möchte, solange er sich verträglich verhält; man muss sich nicht für eine Gruppe entscheiden, damit man wenigstens irgendwo dazugehört. Morgens beim Bäcker echot der volle Laden auf mein „Guten Tag“ (und nicht nur die Verkäuferin), man geht einen Tick langsamer als in den großen Metropolen und hier macht der Busfahrer noch mal die Tür auf, wenn man von weitem angehetzt kommt.

Eine besondere Affinität hat Hannover zur Farbe Grün. Unsere Straßenbahnen sind grün – jedenfalls noch etwa zur Hälfte, seit anlässlich der Expo im Jahr 2000 auch silberfarbene Stadtbahnen dazukamen. Ich gebe zu, dass man sich an den etwas grellen Farbton gewöhnen muss. Hat diese Farbe überhaupt einen Namen? Ich nenne sie seit jeher Üstragrün, nach unseren Verkehrsbetrieben. Selbst bei meinen auswärtigen Freundinnen, die andere Straßenbahnfarben gewohnt sind, wurde diese Farbnuance zum geflügelten Begriff. Wir hatten unsern Spaß, als wir uns vorstellten, in einem pinkfarbenen Pullover, einem orangefarbenen Schal und mit lila Stulpen in eine Straßenbahn zu steigen. Wenn mich meine Freundin ärgern wollte, fragte sie, ob sie mir zum Geburtstag eine üstragrüne Tischdecke häkeln sollte; die passenden rosa Servietten würde sie gleich dazulegen.

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Gar zu deutlich anschwellende Überheblichkeit kann man freilich gut eindämmen, indem man sich nach den Grünflächen im Wohnort der Amüsierten erkundigt. Natürlich hat mittlerweile jede Kleinstadt ihren Park. Ein Beet, ein paar Bänke, vielleicht noch ein Brunnen und schon ist das urbane Naherholungsgebiet fertig. Das meine ich aber nicht. Ich meine Holz. Bäume. Große Bäume und viele davon.

Hannover hat so einen Wald, sogar mitten in der Stadt. Dort raschelt es und knackt es unter den Füßen. Im Frühjahr riecht es würzig und im Herbst bekommt man Eicheln auf den Kopf. Die 650 ha verteilen sich auf mehrere Stadtteile, werden von Straßen durchschnitten. Es gibt Wanderwege, Minigolfanlagen, Rodelflächen und anders kultivierte Freizeitangebote, doch der Anblick dicht bewachsenen Forstes überwiegt.

Als so genannter Stadtwald steht die Eilenriede zwar nur an 12. Stelle. Größer sind in Deutschland zum Beispiel der Grunewald in Berlin (3.000 ha), die Rostocker Heide (6.000 ha) oder das Lauerholz in Lübeck (960 ha). Trotzdem hat unser hannöverscher Stadtpark ein bisschen mehr Fläche als der weit berühmtere Wiener Prater (600 ha) und sogar doppelt so viel als der Central Park in New York (340 ha).

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Wir Hannoveraner lieben unsere Eilenriede. Es findet sich immer ein Plätzchen, wo man seine Decke ausbreiten oder sich auf eine Bank setzen kann. Seit neuestem braucht man nicht mal mehr seine eigene Lektüre mitzubringen. Man kann sie sich nämlich unterwegs ausleihen – oder gleich ganz unter den Nagel reißen. Niemand hat etwas dagegen, ganz im Gegenteil, die Bücher sollen ja kursieren.

21 Minibüchereien gibt es mittlerweile im gesamten Stadtgebiet. Sie sind gut zu erkennen: ein hölzerner, handgefertigter Schrank mit mehreren Fächern und Glasscheiben, die auf beiden Seiten hochgeklappt werden können. Wer sich für ein Buch interessiert, kann es mitnehmen, daheim lesen und wieder zurückbringen oder stattdessen ein anderes Buch reinstellen. Man trifft die Schränke an Plätzen, an Hauswänden oder sogar mitten in der Straße, auf dem Bürgersteig zwischen Geschäftseingang und Grünstreifen.


Die Büchereien haben rund um die Uhr geöffnet. Zwar werden sie kontrolliert, aber dennoch steckt ein gutes Maß an Vertrauen dahinter. Bisher ist mir nicht bekannt, dass Vandalismus das schöne Konzept gefährden würde. Hin und wieder komme ich an einem der Schränke vorbei. Ich bin nicht die Einzige, die dann in gebückter Haltung mit verdrehtem Hals vor der Scheibe klebt, um die Titel zu lesen. Ich habe mich noch nie über mutwillig verdrecktes Glas geärgert oder über Müll auf den Regalbrettern.

Ich finde, das ist ein wunderbarer Beitrag zur Kultur. Es geht auch leise und mit gegenseitiger Rücksicht.

Tja, so sind wir halt, wir Dorfdeppen in der Grühnkohl-Provinz. Wir kriegen das hin, ganz ohne schrill, blinki-blinki und Oscar-Verleihung.


Kommentare:

  1. Meine Söhne haben mich einmal gefragt ob sie jetzt ankreuzen sollen dass sie STADTkinder sind... oder ob LANDkinder treffender wäre.

    Wir wohnen im ländlichen Vorort einer "mittelgroßen" Stadt. Hier gibt es keine Straßenbahn, selten Busse, die Bahn bleibt öfters im nächstgelegenen größeren Ort stehen - Und in den nächsten richtigen Wald fahren wir meistens mit dem Auto.

    Wenn man die Wege zwischen den Feldern benutzt steigt man zwar manchmal in Pferdeäpfel, man kennt den Geruch von frisch gedüngt und man kann Rehe und Hasen beobachten... aber überall wird gebaut, breite Straßen schneiden durchs saftige Grün und Verbotsschilder schränken ein. (O.K., wir haben hier auch viel Bundesheer und Flugplätze samt Sperrgebiete)

    In richtigen Städten werden Grünflächen gepflegt, abwechslungsreiche Naherholungsgebiete geschaffen. - Direkt hinter UNSEREN Häusern wird immer wieder Grünland in Bauland umgewidmet, zubetoniert und abgesperrt...

    Ohne Auto haben wir jetzt in unserem Fastlandleben anscheinend weniger GRÜN als wenn wir in der Stadt geblieben wären... Aber was solls, wir haben ja zum Glück ein Auto (und Fahrräder). Und ich hätte schließlich VOR unserem Umzug besser recherchieren können!*g*
    Richtig beneiden tu ich euch um eure Minibüchereien! Das kenne ich überhaupt nicht. Eine tolle Sache die ich auch sofort nutzen würde. Und schön, dass diese Idee so gut funktioniert!!!

    LG, Klarissa

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  2. Ich glaube, heute legen die Städteplaner mehr wert auf Grünanlagen als noch vor 30 Jahren. Aber ein Park mit Liegewiese ist was anderes als Wald oder Feldweg. Mir leuchtet es ein, dass man in der Stadt Kompromisse machen muss. Das weiß man und man arrangiert sich damit. Schlimmer finde ich, wenn man (wie ihr) extra in die Landschaft gezogen ist, und dann kommt plötzlich die Stadt hinterher!

    Ab und zu höre ich auch von Leuten, die sich in einem Dorf niedergelassen haben. Ihren Unmut machen sie juristisch Luft, weil auch sonntags der Hahn kräht oder der Bauer mit dem Güllewagen vorbeikommt. Da frage ich mich, unter welcher Käseglocke diese Leute die ganze Zeit gelebt hatten.

    Die Sache mit den Minibüchereien läuft erst seit diesem Frühjahr. Ich nehme an, dass noch keine Statistiken vorliegen. Ich weiß auch nicht, wo die übrigen Schränke stehen. Vielleicht sieht es in gewissen Brennpunkten (die es auch bei uns gibt) anders aus, oder man hat die Teile dort gar nicht erst hingestellt. Diejenigen, die ich kenne, sind jedenfalls sauber und pfleglich behandelt. Bestimmt nimmt man sie über den Winter von der Straße, denn wetterfest sehen die Schränke nicht aus.

    Es wäre jammerschade, wenn sich das Projekt auf die Dauer als nicht erfolgreich herausstellen sollte, denn es geht nicht nur ums Lesen, das angeregt werden soll, sondern die Schränke selbst sind speziell angefertigt (und das muss ja auch jemand gemacht haben). Außerdem ist es immer eine traurige Angelegenheit, wenn sich etwas Informelles, das auf dem guten Willen aller Beteiligten beruht, als nicht machbar offenbart. Hoffen wir also das Beste.

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