Montag, 31. Oktober 2011

Bendix Grünlich: Das putzt ungemein

Wenn ich Romane lese, habe ich ein Problem. Oder besser gesagt, nachdem ich einen Roman gelesen habe, habe ich ein Problem: Ich behalte nur selten den Inhalt im Kopf. Spätestens nach einem Jahr weiß ich nicht mehr, um was es eigentlich ging. Ich erinnere mich nur noch an meine Gefühle beim Lesen, ob mir das Buch gefiel, ob es mir Spaß machte oder mich nervte, doch die Handlung verschwindet aus meinem Kopf mit einer geradezu gespenstischen Regelmäßigkeit, so dass ich nicht mal behaupten kann, dieses Schicksal ereilt nur die schlechten Romane. Von all den Büchern aus den letzten Jahrzehnten hat nur eine Handvoll in meinem Gedächtnis überlebt. Unter den vergessenen sind durchaus tolle Romane, meisterlich geschrieben und wunderbar arrangiert, der beglückenden Erinnerung wert; ich aber kann machen, was ich will, hier funktioniert mein Hirn wie ein Abfluss. 

Thomas Mann: molosovsky
Unter den wenigen Romanen, die dieses Schicksal nicht erleiden müssen, ist mein Lieblingsbuch, die Buddenbrooks von Thomas Mann. Ich bin sehr froh darüber, denn ich halte das Buch für ein absolutes Meisterwerk. Allerdings glaube ich, dass man eine gewisse Reife mitbringen muss, um den Genuss voll ausschöpfen zu können. Das erste Mal habe ich die Buddenbrooks in der Schule gelesen, als 17-Jährige. Ich fand die Lektüre ganz nett, aber mehr auch nicht. Erst zehn Jahre später, beim zweiten Lesen, ist mir der herrliche Humor aufgefallen, der mir zuvor völlig entgangen war. Und natürlich bekommen die Charaktere erst so richtig ihre Konturen, nachdem man selbst ein bisschen was übers Leben gelernt hat.

Inzwischen habe ich die Buddenbrooks viermal gelesen. Immer wieder kam neu Entdecktes hinzu. Trotzdem sind mir Handlung und Figuren durch die Jahre präsent geblieben. Ich habe es geprüft als Vorbereitung auf diesen  Artikel hier. Ein bestimmter Charakter nämlich hat es mir besonders angetan: Bendix Grünlich, diese windige Gestalt, die es geschafft hatte, sich zumindest zeitweise an das Vermögen der Buddenbrooks zu hängen. Ich wollte wissen, ob meine Erinnerung mit den tatsächlichen Romanstellen übereinstimmt – ja, das tut sie. Und warum gerade Bendix Grünlich? Weil Thomas Mann ihn so herrlich skurril schildert. Und weil sein Abgang mit einer der anrührendsten Szenen einhergeht, die ich in diesem Buch gefunden habe.

Bendix Grünlich erscheint zum ersten Mal bei den Buddenbrooks an einem Sonntagnachmittag. Es ist Juni 1845. Konsul Buddenbrook, hochangesehener Getreidehändler zu Lübeck, sitzt mit seiner Gattin und den halb erwachsenen Kindern im Garten, genießt Sonne und Freizeit. Es wird ihm ein Gast gemeldet: Bendix Grünlich, ebenfalls Händler, wohnhaft in Hamburg; man kennt sich von gemeinsamen Geschäften. Artigkeiten werden ausgetauscht, die Konsulin bittet Platz zu nehmen, man plaudert und setzt sich in Szene.

Der Gast hinterlässt Eindrücke, wie sie gegensätzlicher kaum sein können. Während der Konsul und seine Frau voll des Lobes sind, ihn als angenehmen und gottesfürchtigen Mann schätzen (Grünlichs Vater war Pastor), rangiert er bei den jungen Leuten als Witzblattfigur. Wie er schon aussieht! Wie er redet!
„Diese Klatschrosen dort drüben putzen ungemein ...“
So spricht doch kein Mensch!

Etwa 32 Jahre alt ist er, mit spärlichem blonden Haupthaar, sauber gescheitelt, mit einer Warze auf dem Nasenflügel und einem flauschigen goldgelben Backenbart (so genannten Favoris), von denen Tony Buddenbrook später behaupten wird, sie seien von jener Farbe, mit denen man zu Weihnachten die Nüsse vergoldet.

Keiner der jungen Leute legt Wert auf ein baldiges Wiedersehen, schon gar nicht des Konsuls älteste Tochter Tony. Sie ist knapp 19 Jahre alt, elegant, verwöhnt und voll des Standesdünkels: Name und Firma Buddenbrook haben absoluten Vorrang, immer und überall. Mit dem Heiraten hat sich Tony noch nicht befasst.

Das Buddenbrookhaus. Vorlage für den Roman: roger4336

Umso indignierter ist sie, als sie schon bald feststellen muss, dass Bendix Grünlich ihr nachstellt. Er lauert ihr auf der Straße auf oder sitzt bereits daheim im Salon und wartet auf sie, stets korrekt gekleidet, einmal sogar in erbensgrünen Hosen, aber immer in Begleitung von Hut, Stock und Handschuhen und immer vorbildlich kerzengrade auf dem Sofa sitzend, Nettigkeiten parlierend, welche zwar die Frau Konsul mit Wohlwollen begrüßt, die ihrer Tochter aber zunehmend auf die Nerven fallen, ihr sogar Angst zu machen beginnen, als sie einen gewissen Druck aus ihrer Umgebung verspürt.

Eines Morgens ist es so weit. Nachdem Konsul Buddenbrook Grünlichs wirtschaftliche Verhältnisse geprüft und für äußerst vielversprechend befunden hatte („Bücher, Bethsy, zum Einrahmen!“), eröffnet er seiner Tochter, dass Grünlich um ihre Hand angehalten hat. Tony ist entsetzt.
„Was will dieser Mensch von mir -!“, ruft sie.
Tony beabsichtigt unter keinen Umständen in diese Verbindung einzuwilligen. Sie verabscheue Grünlich, das habe sie oft genug betont. Daran ändert sich auch nichts, als Grünlich  vor ihr auf die Knie sinkt und um Milde fleht. Tony ist peinlich berührt.

Als der Konsul merkt, dass er so nicht weiterkommt, schickt er Tony in die Ferien nach Travemünde. Aber nicht auf die Strandpromenade, wo der übrige Lübecker Geldadel flaniert, sondern zu einem befreundeten Lotsenkommandeur in dessen Kate. Dort hat Tony Ruhe, frische Luft, gute Hausmannskost und genug Muße, um zur Vernunft zu kommen.

Travemünde: Zeno.org
Die Ferien entwickeln sich jedoch anders. Tony verliebt sich in den Sohn der Wirtsleute, Medizinstudent in Göttingen. Eine zarte, unschuldige Liebesgeschichte verzaubert die beiden jungen Menschen. Noch ist Tony so naiv zu glauben, dass diese Verbindung eine Chance hätte. Entsprechende Briefe werden vom Vater gerügt, und kurz darauf steht ein wohlbekannter Mann im langen gelbkarierten Ulster und flauschigen goldgelben Favoris vor der Tür, wünscht den Herrn Lotsenkommandeur zu sprechen. Grünlich macht ältere Rechte geltend. Tony sei ihm versprochen, er verbitte sich daher die Einmischung aus dem Lotsenhause.

Der verliebte Student bekommt einiges zu hören, eine väterliche Standpauke über Dummheit und ungebührliches Verhalten, und Tony kehrt nach Lübeck zurück, verwundet am Herzen und zermürbt von den unvermindert drängenden Erwartungen. Sie willigt endlich in die Verlobung ein. Die Eltern Buddenbrook sind zufrieden. Auch Bendix Grünlich kann seinen Erfolg nur schwer verbergen: Seine Verlobte begutachtet er mit einer heiteren Besitzermiene.
„Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich doch ergattert? …“, entfährt es ihm in einem unbeobachteten Moment.

Zum Jahresanfang 1846 wird geheiratet. Tony bringt standesgemäße 80.000 Mark in die Ehe. Man bezieht eine Villa an Hamburgs Stadtrand. Schön und vornehm ist es dort, nur leider etwas weit ab vom Schuss. Grünlich scheint sich nicht gern mit seiner Frau in Gesellschaft zu zeigen und auch sonst bleibt manches gewöhnungsbedürftig, so Grünlichs Vorliebe, morgens warm zu frühstücken mit Rotwein und einem nach englischer Sitte halbgaren Kotelett. Tony schaudert‘s.

Rechts: Ulster u. Favoris, 1872: Wikimedia Commons
Noch im selben Jahr kommt die Tochter Erika zur Welt. Tony hat vollauf zu tun mit der Überwachung der beiden Hausmädchen und der repräsentativen Gestaltung ihres Heims.  Die gesellschaftlichen Ablenkungen freilich könnten ruhig ein wenig zahlreicher sein, denn manchmal ist es doch recht eintönig. Immer wieder verärgern unerfreuliche Dispute. Tony wünscht diese und jene Annehmlichkeit, zum Beispiel eine eigene Familienkutsche oder ein Kindermädchen für Erika, während Grünlich die Ausgaben als zu kostspielig und überflüssig ablehnt. Tony sei zu luxuriös, lautet der Vorwurf, Grünlich knauserig die Antwort.

Im vierten Jahr kommt es zum Eklat. Das schöne Lügengebäude fällt zusammen. Grünlich ist bankrott. Tony weiß nichts davon, hat keinen Einblick in die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse. Kläglich winselnd wendet sich Grünlich an seinen Schwiegervater mit der Bitte um 100.000 Mark zur Rettung der Firma.

Konsul Buddenbrook hat Fragen. Zahlungsunfähig? Wie konnte das passieren? Er selbst hatte doch erst vor wenigen Jahren die Bücher geprüft und nur die besten Referenzen vernommen. Kurz darauf wird er erfahren, dass Grünlich ihn reingelegt hatte. Die Bücher waren geschönt, die Referenzen erkauft. Dennoch wäre der Konsul bereit, die erflehte Finanzspritze zu gewähren, allerdings möchte er die Entscheidung von seiner Tochter abhängig machen.

Konsul Buddenbrook reist nach Hamburg. Er findet eine noch immer ahnungslose Tony vor, die er behutsam auszufragen beginnt. Ob sie ihren Mann liebe, will er wissen.
„Gewiss, Papa“, antwortete Tony mit einer derart geheuchelten Aufrichtigkeit, dass dem Konsul bange wird.  
Als er nachbohrt, den Bankrott andeutet und wissen will, ob Tony auch dann noch zu ihrem Mann halten würde, wenn sie sich finanziell einschränken müsste, bricht es aus ihr heraus: nein! Und nochmals nein!
„Ich habe ihn niemals geliebt … er war mir immer widerlich … weißt du das denn nicht …?“, schluchzt sie.

Dem Vater ist es eine bittere Erkenntnis. Er muss sich eingestehen, wovor er so lange die Augen verschlossen hatte. Vier Jahre lang hat er seine Tochter an einen ungeliebten Menschen gekettet, zwar im guten Glauben, das Beste für Tony zu wollen, aber doch geblendet von den unwiderstehlichen wirtschaftlichen Argumenten. Die menschliche Seite hatte er allzu sehr vernachlässigt, Tonys Weigerungen als jugendliche Unreife abgetan, bis er schließlich sein Ziel erreicht hatte, die vermeintlich gute Partie. Mit schalem Geschmack erinnert sich Konsul Buddenbrook, wie sich Tony damals nach der Hochzeitsfeier bei der Abreise nach Hamburg noch einmal aus dem Wagen gezwängt, wie sie den Vater umarmt und ihm zugeflüstert hatte:
„Bist du zufrieden mit mir?“

Das letzte Wort ist somit gesprochen; es wird keine Finanzspritze geben. Grünlich mag zusehen, wo er bleibt; er wird sich selbst überlassen. Tony wird die Scheidung einreichen. Sie geht mit Erika zurück nach Lübeck, zieht wieder in ihrem Elternhaus ein. Am Ende hat Tonys Standesdünkel gesiegt. Mit Grünlich gemeinsam die finanzielle Talfahrt zu überstehen wäre unerträglich gewesen, aber dass die Finanzspritze Kapital aus dem Buddenbrookschen Mutterhaus gezogen und damit die Firma Buddenbrook geschwächt hätte, das wäre unverzeihlich geworden.

Als geschiedene Madame Grünlich hat Tony in Lübeck einige abschätzende Blicke auszuhalten. Sie erträgt sie mit hochgerecktem Kinn. Sie ist schließlich eine Buddenbrook. Diese Lebensmaxime wird Tony noch öfter helfen im Kampf gegen privates Leid und allerlei andere Schicksalsschläge. Von Bendix Grünlich wird fortan niemand mehr reden, fast so, als hätte es ihn nie gegeben.   

Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Berlin 1922

Kommentare:

  1. Schöner Artikel, jedoch ein kleiner aber nicht unbedeutender Fehler. Der junge Mann, der Antonie das versprechen gab zurück zu kehren, war Morten Schwarzkopf. Seines Zeichens Medizinstudent.

    Liebe Grüße

    H.A.

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  2. Ja, tatsächlich. Danke für den Hinweis. Ich habe es gleich geändert.

    Schöne Grüße
    Blaugrün

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