Montag, 14. November 2011

Begonia Tamaya ... oder so ähnlich

Auf meinen Fensterbänken klickt es. Dann trifft eine abgefallene Blüte auf das Metallrost des Heizkörpers. Im Sommer ist es besonders schlimm, da die Blüten in dichten Trauben hängen und immer wieder Einzelteile herabprasseln. In der Nacht, wenn alles ruhig ist, kann man sich erschrecken.


Ich habe diese Pflanzen in jeder Größe, von 10 Zentimeter bis unter die Decke, und meine Decke ist 3,20 Meter hoch. Um ehrlich zu sein, im Augenblick wuchern mir die Dinger die Bude zu. Auf den Fensterbänken ist schon lange kein Platz mehr, also wurden Ikea-Beistelltischchen herbeigekarrt und davor gestellt. Weil dies aber auch nur begrenzte Erweiterung bietet und die Pflanzen obendrein in einem Tempo wachsen, als würden sie Geld dafür kriegen, müssen die kleinen Töpfe den mittleren weichen und die mittleren den großen. Inzwischen steht in der Küche ein Spalier vom Eingang bis zum Fenster, dicht an dicht, weiter hinten sogar in Dreierreihen. Mehr Platz kann ich beim besten Willen nicht herbeizaubern.

Ganz eindeutig geklärt habe ich bis heute nicht, was das eigentlich für Pflanzen sind, mit denen ich so generös meine Wohnung teile. Ich nenne sie Begonia Tamaya.

So niedlich klein bleiben sie nicht lange
Mit der Gattung der Begonien liege ich ganz sicher richtig, aber ob nun am Namensende „Tamaya“ korrekt ist oder doch eher ein „Lucerna“ dort hingehört, das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich verstehe nichts von Botanik; ich besitze ja noch nicht mal einen grünen Daumen. Im Gegenteil: Bisher haben noch alle Zimmerpflanzen (bis auf wenige Ausnahmen) den kollektiven Freitod gewählt, nur damit sie nicht ihr Leben in meiner Gesellschaft verbringen müssen. Lediglich die Tamayas sind stark und souverän genug, so dass sie meiner negativen Aura widerstehen. Vielleicht rührt daher meine zärtliche Liebe zu ihnen. Die Tamayas sind mein Volk!

Es heißt, die Tamaya sei eine Hybride aus zwei anderen Begonienarten. Charakteristisch sind die länglichen, gepunkteten Blätter und die traubenförmig hängenden Blüten. Bei der Farbe gibt es Abweichungen. Obwohl alle meine Tamayas von einer einzigen Mutterpflanze abstammen, blühen manche hummerrot, andere rosa. Aber für alle gilt: Je länger sie hängen, desto heller werden sie.


Allen gemein ist auch der Bedarf an Licht. Alle Begonien (also auch die Tamaya) stammen aus Brasilien, mögen daher helle Standorte – und damit beginnt das Problem. Wenn, wie gesagt, die Logenplätze auf den Fensterbänken restlos besetzt sind, was wird dann aus den Kolleginnen weiter hinten? Ganz einfach: Sie blühen nicht mehr. Alles, was in meiner Wohnung zwei Meter vom Fenster entfernt steht, blüht nicht. Die Pflanze wächst und wächst, bildet die schönsten gepunkteten Blätter aus, aber jegliche Dekoration aus Hummerot oder Rosa verkneift sie sich beharrlich.

Mich stört das nicht. Ich ärgere mich eher über jene Querulanten, die statt einigermaßen symmetrisch in die Höhe zu streben mit dekorativen, buschigen Zweigen drum herum, nur einen langen, nackten Strunk ausbilden mit einem dämlich deplatzierten Blätterpuschel oben drauf. Das habe ich nicht verdient! Ich tu so viel für meine Tamayas, ich gieße sie zweimal wöchentlich, ich gebe ihnen Dünger, ich topfe sie um und binde die nachgewachsenen Zweige mit Gefrierbeutelclips an der Bambusstange fest, damit sich die Stängel gerade halten können. So ein idiotisches Design habe ich wirklich nicht verdient.

Wenn alles gut läuft, sprießen aus den Ballen nach und nach neue Zweige. Große Pflanzen haben sechs, sieben, acht dunkle Stämme. Das ist wünschenswert, weil die Natur es so vorgesehen hat. Ob das ungehemmte Höhenwachstum in den ohnehin schon oberen Etagen auch dazugehört, bin ich mir allerdings nicht sicher. Ich jedenfalls steige auf die Leiter, sobald in der Küche neben dem Fenster die Zweige an die Zimmerdecke zu schlagen beginnen, und schneide alles einen Meter zurück. Aus dem Ausschuss mache ich neue kleine Tamayas: Stängel ins Wasser stecken, warten, bis sich Wurzeln bilden – fertig.

Mein Spalier
Jetzt im Spätherbst ist nicht mehr viel los. Die Tamayas bereiten sich auf die Winterpause vor. Etliche Pflanzen blühen noch bis Weihnachten, manche sogar darüber hinaus, der große Rest aber bleibt grün und fängt erst im Frühjahr wieder an in der neuen Saison.

Ich kenne diesen Rhythmus. Er wiederholt sich jedes Jahr, bereits seit 12 Jahren. Mir ist sogar bekannt, was meine Leute über mich denken, teilweise wird es mir direkt ins Gesicht gesagt: Die ist bekloppt! Hat die ganze Hütte voll mit einer einzigen Pflanzenart! Das ist doch krank!

Wirklich? Ach, Leute, keine Sorge, mir geht‘s gut. Es gibt wahrlich Schlimmeres, als hübsche Begonien zu vermehren. Und das Klicken nachts auf meinem Fensterbrett, das gibt mir jedes Mal von neuem die Gewissheit, dass ich mit weit mehr Freude beschenkt bin, als ihr es euch in eurer kurzsichtigen Verurteilung vorstellen könnt.

Begonia Tamaya
Ordnung: Kürbisartige (Cucurbitales)
Familie: Schiefblattgewächse (Begoniaceae)
Gattung: Begonien
Art: Begonia corallina (?) + Begonia albopicta (?)
Sorte: Tamaya


Kommentare:

  1. Jaaaaaa!!!! Das Klicken kenne ich!!!
    Ich hatte schon beinahe vergessen wie oft ich unter ihr aufgekehrt habe. Ich hatte nur eine. Eigentlich bin ich nie auf die Idee gekommen sie zu vermehren... Vielleicht weil ich schon gewusst habe dass sie viiiiel Platz und einen guten Fensterplatz haben möchte.
    Zuerst stand sie auf der Fensterbank, dann am Kastl, dann am Boden (Nicht so gut, wir haben Fußbodenheizung) - und jetzt wohnt sie bei meiner Mutter im Wintergarten. Wenn ich dort Haushüte, muss ich immer aufkehren bevor meine Eltern aus dem Urlaub kommen...
    Aber ich hatte sie sehr gemocht. Ich kann mich gar nicht erinnern dass sie eine Blühpause hatte.
    LG, Klarissa

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  2. Das sieht mir aber gar nicht so aus, als hättest du keinen grünen Daumen - so wie es bei dir grünt und blüht. Und die Sache mit den XL-Töpfen kommt sicher auch nicht von ungefähr!
    Schöne Pflanzen sind das!
    LG, Enya

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  3. @ Klarissa. Ist ja witzig, dass du auch eine Tamaya hattest. Die meisten kennen die Pflanze gar nicht (abzüglich meiner Umwelt, die mir einen Gutteil meiner Töpfe abnehmen musste).

    Platz nehmen meine Pflanzen eigentlich nicht weg im Sinne von ausladend. Ich binde sie an einen Bambusstock. Auch die neuen Zweige, die nachwachsen, werden hochgebunden. So wachsen die Tamayas schlank nach oben und beanspruchen fast nur den Platz, den der Topf einnimmt. Nur sind irgendwann auch diese Töpfe zu groß für die Fensterbank.

    Saugen oder fegen muss ich auch dauernd. Im Moment geht's aber; es blühen nicht mehr viele.

    Du könntest doch gut die Spitze eines Zweiges abschneiden und ins Wasser stellen. Dann hast du eine neue kleine Tamaya. Bis die dann so groß sein wird wie ihre Mutter, dauert es noch ein paar Jahre. Genug Zeit, um sich daran zu erfreuen. Mein Tipp: gleich mehrere aufziehen und verschenken, kurz bevor sie eine unpraktische Größe erreichen. :-)))

    @ Enya. Oh, danke schön. Das höre ich gern ... ich und einen grünen Daumen. Aber leider hatte ich nicht untertrieben. Bei mir will es nicht so recht grünen. Jede Pflanze muss allein zusehen, wie sie klarkommt. Die Tamayas beherrschen das perfekt. Sie wachsen von allein, solange man sie nicht grob fahrlässig behandelt, z. B. im Frost stehen lässt oder sie wochenlang zu gießen vergisst. Andere Unebenheiten stecken sie locker weg. Bis da mal ein Exemplar eingeht, muss schon viel passieren. Kurzum: Die ideale Pflanze für mich. ;-)

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  4. du hast es so goldig geschrieben.Ich habe auch einige dieser Pflanzen

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  5. Danke schön.

    Sicher hast du genauso viel Spaß an den Pflanzen wie ich.

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