Montag, 21. November 2011

Grün und kalt: Zuckerrohrsaft

Ich lebe im niedersächsischen Spargel- und Zuckerrübengürtel. Im Frühjahr sind allerorts die typisch aufgeworfenen Spargelfelder zu sehen, und im Spätherbst fahren die Trecker die Zuckerrüben zur Fabrik. Ein Teil der dunkelbraunen Klumpen bleibt allerdings auf den Landstraßen liegen, vom offenen Anhänger gerutscht. Wer Pech hat, neben einer Zuckerfabrik zu wohnen, wird sich freuen, wenn kurz vor Weihnachten die Kampagne endlich beendet ist, wenn die Schornsteine wieder schweigen und die Nase wieder geruchsneutrale Luft zu riechen kriegt. Dafür aber ist das Produkt lecker. Als Kind habe ich den Zuckerrübensirup geliebt. Ihr wisst schon, den im gelben Pappbecher. Am liebsten aufs Brötchen.

Wenn der Zucker also von der Rübe kommt, hat man mit einer andern Zuckerkultur nicht viele Berührungspunkte. In andern Gegenden, so beispielsweise in Lateinamerika, in Indien, Thailand oder Pakistan, wird der Zucker noch heute aus Zuckerrohr gewonnen. Wir kennen den Rum als weiteres Produkt aus diesem Fertigungsprozess. Man kann die Rohrstangen aber auch einfach nur auspressen, dann hat man frischen Saft zum Trinken. Oder man vergärt den Saft, dann wird Cachaça daraus, den man sich wiederum in den Limonensaft schütten kann, damit er den Namen Caipirinha verdient.

Zuckerrohr: ruurmo
Hier in Deutschland bekommt man nur die industriell gefertigten Produkte; man kauft die Flaschen aus dem Spirituosenregal. Aber habt ihr schon mal frisch gepressten Zuckerrohrsaft getrunken? Just im Augenblick hergestellt? Extra für euch?

Das ist ein Erlebnis, muss ich schon sagen - nicht nur für den Geschmack, sondern auch für andere Sinne. In meinem Fall trafen wir in Brasilien zum ersten Mal aufeinander.

In Südamerika gehört Zuckerrohrsaft zu den Erfrischungsgetränken wie bei uns Apfel- oder Traubensaft. In den Großstädten kann man sich dort an jeder Ecke ein Glas abfüllen lassen. Jede Saftbar bietet diesen Service, und oft geht es auch schneller, nämlich an einer der vielen Straßenbuden oder mobilen Ständen. Sie sind gut zu erkennen an den Holzstapeln auf der Rückseite. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Haufen als Zuckerrohstangen. Die Geräte, mit denen gearbeitet wird, sind oft primitiv, erfüllen aber ihren Zweck.

Bestellt man nun eine Portion Saft, muss zunächst einmal die Pressmaschine angeworfen werden. Der unbedarfte Tourist reagiert darauf  gern mit einem gehörigen Schrecken, denn diese Dinger machen einen Krach, dass einem die Ohren abfliegen. Je nach Ausführung, ob einfach oder luxuriös, geht der Grundton eher in Richtung Gartenhäcksler, Küchenmixer, Schrottpresse oder heiserer Kreissäge. Meist aber ist es ein Chor aus allem.

Zuckerrohrpresse: Dey
Dann heißt es, die Zuckerrohrstangen durch die Mangel zu quetschen. Auf dem Bild hier oben – es zeigt nicht Lateinamerika, sondern ein Geschäft in Indien – geschieht dies mit Hilfe einfacher Walzen und viel Handarbeit. Aus Brasilien kenne ich aber auch halbautomatische Pressmaschinen. Sie sehen aus wie ein kleiner quadratischer Ofen, verkleidet in jenem silbrigen Metall, so wie es in jeder Großküche zu finden ist. Im Dach sind die Walzen eingelassen. Dort schiebt man die Zuckerrohrstangen hinein. Sie rattern unsichtbar (aber, wie gesagt, mit einem Höllenlärm) durch den Kasten und kommen an der Seite wieder heraus. Auf der andern Kastenseite ist eine Aussparung eingearbeitet, worin das Glas steht. Dorthinein plörrt der frisch gewonnene Saft. Geduld muss man schon mitbringen, denn es geht nur rinnsalartig voran. Außerdem müssen die Zuckerrohrstangen mehrmals gepresst werden, viermal, fünfmal, sechsmal, bis ihnen der letzte Tropfen abgerungen ist und das Rohr nur noch aus platten Faserschläuchen besteht. Serviert wird der Zuckerrohrsaft mit Eiswürfeln.

Wenn dann endlich das Glas vor einem steht, kann man den nächsten Schreck bekommen: So sieht also der flüssige Inhalt der Zuckerrohrstangen aus? Graugrün und milchig? Dazu noch schaumig aufgewolkt von der Rüttelei? Nicht gerade appetitlich, wenn man mich fragt. Im Gegenteil, ich assoziiere diesen Grünton eher mit was Krankem. Andererseits: Frischer geht’s nicht; ich hatte ja zugeschaut. Alles 100 % reine Natur, nichts ist künstlich zugesetzt, kein Farbstoff, kein Geschmacksverstärker. Meine Begleitung machte obendrein auf den Gesundheitswert aufmerksam. Weil nichts zerkocht wurde, sind die Mineralien und Vitamine alle noch vorhanden. Zuckerrohrsaft ist reich an Calcium, Eisen und Magnesium.

Zuckerrohrsaft: seadevi
Natürlich habe ich mich überzeugen lassen und den Saft probiert. Und wie schmeckt er nun? Tja, wie soll ich es beschreiben? Eins jedenfalls hatte ich vorausgesetzt: dass er süß wäre. Ist er aber nicht. Zuckerrohrsaft schmeckt nicht süß, er schmeckt – man soll es nicht glauben – herb. Mit einem deutlichen und sehr eigenen Nachgeschmack. Ungewöhnlich. Interessant. Lehrreich.

Ich gebe es zu: Ich hatte kurz überlegt, Streuzucker in den Saft zu löffeln, um dem Herben die Strenge zu nehmen und damit sich meine Erwartung nach anständiger Süße doch noch erfüllen möge, aber dann dachte ich, nein, als Gast muss man sich unterordnen – oder sich geschlagen geben. Seitdem bin ich auf frischen Papayasaft umgestiegen. Ich habe damals den Zuckerrohr links liegen lassen, stattdessen so manches gastronomische Obstregal leergesüffelt. Papayasaft war und blieb mein Favorit. Doch das ist wieder eine andere Geschichte. Sie gehört unter die Überschrift: „Wie spart man sich im Urlaub auf einem Schlag Frühstück, Mittagessen und Abendbrot?“


Kommentare:

  1. Ich hätte jetzt echt nicht damit gerechnet dass ZUCKERrohrsaft nicht süß sein könnte. Sehr interessant. ...Du bist mutig. Sicher bin ICH von Natur aus neugierig (und bemühe mich höflich zu sein) - Aber ich weiß nicht ob Ich mich getraut hätte den Saft zu trinken.

    Zuckerrübensirup kenne ich. Das nehme ich recht gerne zum Backen von Muffins z.B. In gelben Pappbechern kenne ich ihn allerdings auch nicht. Hört sich aber lecker an!
    LG, Klarissa

    AntwortenLöschen
  2. Ach, so mutig war ich gar nicht. Ich hatte ja zugeschaut, wie sie den Saft machten. Also wusste ich, dass es nur meine Antipathie gegen diese furchtbare grüne Farbe war (sieht hier auf den Fotos gar nicht soooo schlimm aus), die mich an der Begeisterung hinderte. Schlimmer finde ich schon zubereitetes Essen, weil man nicht sieht, was genau alles hineingetan wurde.

    Trotzdem: Einmal probieren reicht. Zuckerrohrsaft ist nicht mein Fall. Vielleicht kommen Bier- oder Camparitrinker besser damit zurecht, weil sie einen ganz anderen Zugang zum herben Geschmack haben. Ich mag's lieber mild.

    Der Sirup im gelben Pappbecher ist, glaube ich, der Marktführer in Deutschland. Deswegen weiß hier jeder gleich, was gemeint ist. ;-) Ich kenne gar keine andere Firma, die den herstellt.

    AntwortenLöschen
  3. Schöner Beitrag, schöne Website

    AntwortenLöschen
  4. Wirklich nett erzählt..!

    Auch ich lebe hier...ganz nah der niedersächsichen Landeshauptstadt...

    Meinen ersten Kontakt mit dem frisch gepressten Zuckerrohrsaft hatte ich 1987 auf den Straßen von Kairo. Dort wird er, neben ebenfalls frischem Mangosaft, genau so hergestellt und als leckere Erfrischung an vielen Straßenecken dargeboten, wie von Dir oben beschrieben.

    Mich schreckte damals aber weniger die Farbe des leckeren, kühlen Saftes, als der Gedanke an die vielen - und beinahe dort ebenfalls überall anzutreffenden - Kakalaken... von denen ich nur hoffen konnte, dass sie sich nicht zusammen mit dem Zuckerrohr zwischen die Rollen der Zuckerrohrpresse verirrten...

    Zum letzten Mal fand ich dann auf der EXPO 2000 in Hannover einen Stand, der frischen Zuckerrohrsaft anbot... leider war dann allerdings der Behälter dort meist leer, wenn ich bei jedem Besuch wieder vorbei ging um mir ein Glas dieser interessanten Erfrischung zu kaufen...

    Seither suche ich leider vergeblich eine Möglichkeit - in unseren Breitengraden hier - wieder einmal ein frisches Glas Zuckerrohrsaft zu trinken... den ich wirklich immer sehr, sehr gern mochte !

    Gruss
    Sven

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Sven,

    an Kakerlaken hatte ich damals, Gott sei Dank, nicht gedacht, als die Zuckerrohrstangen durch die Maschine ratterten, obwohl die Viecher natürlich auch in Brasilien reichlich zu Hause sind. Irgendwie fand ich die Farbe allein schon gewöhnungsbedürftig genug.

    Aber du hast Recht: Frisch gepresster Zuckerrohr ist was ganz Eigenes, unverwechselbar im Geschmack. Ich persönlich ziehe frisch gemusten Papayasaft vor (verdünnt mit Orangensaft oder Milch, auch in Brasilien erhältlich), möchte aber nicht das Experiment des Zuckerrohrsaftes missen.

    Auf der Expo muss ich an besagtem Stand vorbeigelaufen sein; dafür hatte ich dort aber original portugiesischen Kuchen gefunden. Daran sieht man: Im Ausland verliebt man sich in irgendwas Leckeres und Besonderes, man vergisst es nicht, man hält immer wieder Ausschau, ob es einem nicht doch daheim einmal über den Weg läuft. Das Internet macht vieles einfacher, aber alles kann es auch nicht herbeizaubern.

    Vielen Dank für deinen netten Kommentar.

    Solidarische Grüße in Gedanken an ein frisches Glas Zuckerrohsaft
    Blaugrün

    AntwortenLöschen
  6. Also da ich schon öfters in Kuba (so wie dieses Jahr) war und immer wieder frischen Guarapo (Zuckerrohrsaft) getrunken habe, verstehe ich nicht warum der nicht süß sein sollte. Ich habe im Schnitt 3 Liter am Tag getrunken und ich liebte es. Habe leider etwas zugenommen aber das bekomme ich wieder weg.Den Guarapo bekomme ich Nicht die nächsten 2 Jahre für 0.80 Cent für 5 Liter. Habe mir immer mit Vitamin C und einen 1/2 L Zitronensaft gemischt das er nicht schwarz wird. Mit freundlichen Grüßen Hellmut

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Hellmut,

      hm, vielleicht bist du Biertrinker und von daher eine gewisse Herbheit gewohnt? Ich trinke kein Bier, für mich ist Zuckerrohrsaft eindeutig nicht süß. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Mischung mit Zitronensaft eine attraktive Geschmacksnote bringt. Das hat man mir so nicht angeboten, damals in Brasilien.

      Vielen Dank für deinen interessanten Kommentar. Mögest du bald wieder nach Kuba kommen und im Guarapo schwelgen.
      Blaugrün

      Löschen
  7. Hallo ihr Lieben,

    in Berlin kann man im Sommer (ca. APRIL - NOVEMBER) frischen Zuckerrohrsaft auf Wochenmärkten bekommen. Der Stand heißt, "Mr Zuckerrohr" und ist auch im Internet und bei Facebook (für Standorte und Termine) zu finden. Ich bin da jede Woche und hole mir meinen leckeren frischen Saft, der auch noch echt sehr gesund ist. :)
    Dort bekommt ihr ihn übrigens mit Limette, Eis und wahlweise etwas Minze. Kann ich nur empfehlen! ;)

    Übrigens verkauft der auch frisches Zuckerrohr als Stange zum Knabbern... :)

    Liebe Grüße aus Berlin,
    eure Marie

    AntwortenLöschen

Gern. Sag was dazu, danke dafür