Mittwoch, 28. Dezember 2011

Drachenschuppen und Schachtelhalm

Eher beiläufig kam letztens das Thema Stricken zur Sprache. Ich erwähnte, dass ich einen alten Pullover aufrebbeln würde, um etwas Neues daraus zu machen. "Welche Farbe?", wollte Frau Blaugrün wissen. Den Braten nicht riechend antwortete ich: "Beige."

Das ginge ja gar nicht. Ob ich nicht was Blaues hätte zum Aufrebbeln. "Und mach Fotos!" So von wegen neuem Gastbeitrag. Das nenne ich mal den Zaunpfahl der begriffsstutzigen Frau Blu effektiv über den Kopf geknüppelt.

Damit Frau Blaugrün also nicht die farbliche Alleinunterhalterin zu geben braucht, wühlte ich im Fundus. Da gab es zwar noch was in Mitternachtsblau, aber so gern ich Mitternachtsblau trage: Für die Aran-Muster, die mir so vorschwebten, ist der Farbton ungeeignet. In Mitternachtsblau kommen sie nicht zur Geltung, da würde man sich ja ganz umsonst verkünsteln und sitzt am Ende da mit Knoten in den Pfoten, ohne dass jemand was davon hat. Ganz tief unten hatte ich aber noch zwei "frische" Knäuel Wolle in Grün – daraus ließ sich was machen. Es darf doch auch grün sein, gelle? Immerhin lässt es sich in Grün halbwegs anständig fotografieren.

Leider reichte die Wolle nicht für den irischen Seemannspullover, der mein Winterprojekt hätte werden sollen. Also wurde das Vorhaben aus redaktionellen Sachzwängen auf einen irischen Seemannskissenbezug beschränkt. Nach Maschenprobe und ein bisschen Mathematik stand die Anzahl der Maschen und Reihen fest, sodass ich die Muster zusammenstellen konnte.


Man mag nun einwenden, dass irische Seeleute auf ihren Kuttern wahrscheinlich die Kojen nicht mit Dekokissen ausstatten, aber je nu. Es ist auch kein echter Aran Tweed. Immerhin waren unter meinen Vorfahren ein paar Rheinfischer, das muss gelten.

Weil das Grün so grün ist, habe ich Muster gewählt, die Pflanzen repräsentieren. Natürlich darf das Irish Moss, ein doppeltes Perlmuster, hier nicht fehlen. Der Lebensbaum hat seinen Platz, sogar zweifach. Für das mittlere Panel habe ich mir etwas ausgesucht, das von seiner Designerin als "Buttercup" bezeichnet wird und bei mir die Waldlichtung mit Butterblumen darstellen soll. Das ist zwar kein traditionelles Aran-Muster, es ähnelt dem Honeycomb-Stitch, aber trägt nicht so dick auf, ist nicht so markant strukturiert und wahrscheinlich bequemer, wenn man das müde Haupt darauf bettet. (Und hinterlässt nicht so tiefe Abdrücke nach dem Mittagsschlaf.)


Die ersten acht Reihen ins Strickwerk hinein gab es noch nicht die Optik, die ich mir erhofft hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es am Farbton lag: zu dunkel, zu dominant? Oder die Nadeln zu stark und damit die Maschen zu locker? Dünner durften die Maschen aber auf keinen Fall sein, ich brauche immer einen Millimeter mehr als angegeben, sonst gerät mir das Werk zu fest. Am Ende hätte ich dann ein Kuschelbrett anstatt einem Kuschelkissen. Ich erinnerte mich jedoch an einen früheren Pullover: Da hatte ich auch nicht geglaubt, dass aus dem Muster noch etwas wird, und es ist nachher doch ganz gut geraten. Also: tapfer weiter. Auch, wenn die sogenannten Butterblumen aussehen wie Drachenschuppen und der Lebensbaum mehr wie Schachtelhalm.

Die größte Schwierigkeit war allerdings, Wolle, Nadeln und Hilfsnadeln so ausbalanciert zu handhaben, dass ein Überraschungsangriff des Katers keine bleibenden Schäden sowohl am Kissenbezug als an der Strickerin als auch am unausgelasteten Hausgenossen hinterlässt. Doch ich muss wohl damit leben, dass Katzenhaare als "Naturfaser" das Garn bereichern. Leider ist die Katze nicht grün. Die Fusseln wenigstens als Anteil an Mohair auszugeben fällt damit flach.

Immerhin gelang es mir in recht kurzer Zeit, die drei Muster zu verinnerlichen, sodass ich nicht immer wieder in die Anleitung spingsen musste. Nebenher einen spannenden Krimi im Fernsehen anschauen, das ging allerdings nicht. Sonst wäre das Dokumentationsbild nur noch mit "gestricktes Unkraut" zu untertiteln gewesen.

Aber ich hab's geschafft, hier ist das fertige Kissen in artgerechter Haltung.


Jetzt geht’s dann wirklich wollemäßig weiter in Beige. Das passt zwar hier nicht mehr ins Bild, hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Die Katzenhaare fallen nicht so auf.

© Fotos: Nel Blu

Nel Blu
Über die Gastautorin:

Nel Blu stammt aus dem Lebens- und Kulturkreis der Alemannen, auch wenn durch einen preußischen Opa das Oberrhein-Vollblut ein bisschen verwässert wurde. Sie liebt Buchstaben und Bilder und träumt davon, eines Tages den großen Roman zu verfassen. Da sie aber über jedes A ins Schwärmen gerät und darüber meist vergisst, B zu sagen, wird das noch eine Weile dauern.

Donnerstag, 8. Dezember 2011