Montag, 24. Dezember 2012

Sonntag, 9. Dezember 2012

Endlich mal nicht grün ärgern

Macht ihr gern Tests in Internet? Ich kann mich einer gewissen Anziehung dieser spaßigen Kurzweil nicht erwehren. Man erfährt so vieles über sich: einiges, das man schon längst wusste, manches, das man ahnte, und etliches, das einen enttäuscht. Ich bin schlecht in Mathematik und schneide in der betreffenden Sparte im IQ-Test daher nur mäßig ab? Na so was ... Ich gehe ungern auf Partys und erfülle deshalb nicht die Kriterien eines extrovertierten Sozialverhaltens? Oooch, schade ...  Dafür ist mein Risiko, an Alkoholismus zu erkranken, gleich Null, während ich gleichzeitig damit leben muss, dass mir keine Goldtöne stehen und überhaupt meine Garderobe nichts mit dem Wintertypus gemein haben sollte. 

Dagegen hatte ich lange schwer zu kämpfen. Mental, meine ich, denn derart rüde hätte ich dann doch nicht über meine Defizite aufgeklärt werden wollen.

Wie schön, wenn einem dann ein Test begegnet, der das seelische Gleichgewicht wieder herzustellen vermag. Angeregt durch einen schreibenden Kollegen, der auf seinem Blog darüber berichtet, habe ich es gleich selbst ausprobiert. Es handelt sich um einen Stiltest. Man gibt eine Textprobe ein, das Programm errechnet den Algorithmus und vergleicht ihn mit den eingespeisten Schreibproben bekannter Autoren und Schriftsteller. Heraus kommt ... voilá ... die (hoffentlich) schmeichelhafte Antwort: "Sie schreiben wie ..."

Ja, wie schreib ich denn? Nun, dieser Blog hier geht als Sigmund Freud durch. Bitte schön: 

Sigmund Freud

Oh, danke, das nehme ich gern. Damit kann ich gut leben. Darüber bin ich entzückt.

Ein anderer Textteil, den ich als Fachaufsatz gedacht hatte mit entsprechend strenger, sachlicher  Sprache, trägt die Merkmale von ...

Franz Kafka

Huch! Na gut, damit kann man ja ebenfalls zufrieden sein. Ein bisschen verwundert bin ich trotzdem. Sollte nicht der Fachtext eher wie Freud ausfallen und die erzählerischen Texte hier auf dem Blog wie – wenn's denn schon sein soll – Kafka? 

Ein anderes bloggendes Mitglied meiner Familie, mein Papagei Max, ist da wohl um etliches variationsreicher als ich. Er bringt es nämlich, je nach Beispiel, auf gleich drei verwandte Schreibkollegen: auf Charlotte Roche, Alexa Hennig von Lange und Melina Nadj Abonj. Oder hätte ich nicht so viel experimentieren, es lieber bei einer einzigen Schreibprobe belassen sollen wie oben bei meinen eigenen Beispielen?

Man kann direkt süchtig werden nach diesem lustigen Test. Gerade noch konnte ich mich bremsen, nicht auch noch E-Mails einzugeben oder Kostproben meiner Schulaufsätze.

Aber eine kleine Probe einer längst vergangenen literarischen Schaffensphase habe ich mir dann doch nicht verkneifen können. Das kam dabei heraus:

Johann Wolfgang von Goethe

Danke schön. Nun kann ich getrost das Trauma überwinden, nie mit einem goldfarbenen Abendkleid wirklich gut auf einer Party auszusehen.

Viel Spaß beim Nachmachen, ihr Lieben. Schreibt mir doch mal, was der Test bei euch ergeben hat. Ich bin neugierig.


Sonntag, 19. August 2012

Petrol - eher blau oder eher grün?


Pixabay: 1, 2, 3 , 4

In den 80er Jahren, als ich noch in hochhackigen Schuhen laufen konnte, ohne mir die Haxen zu brechen, war eine meiner Lieblingsfarben Petrol. Damals habe ich viel gestrickt. Wolle in Petrol gab es in allen möglichen Qualitäten, in Mohair, in Baumwolle oder in Alpaka. Ich besaß ein dünnes, langarmiges T-Shirt in Petrol, natürlich mit den unvermeidlichen Fledermausärmeln, die damals zu jedem gehobenen Modegeschmack gehörten, und ein ebensolches Gegenstück aus Schurwolle. Es hatte ebenfalls Fledermausärmel, obwohl man es auf dem Foto hier unten nicht recht sieht. Gestrickt worden war der Pullover in nur zwei Teilen (nicht wie sonst in vier), nämlich in Vorderseite und Rücken. Man fing an einem Ärmel an und arbeitete sich schräg zum andern Bündchen vor. Das Muster, eine Art gedrehtes Wurstdesign, wurde dabei immer um ein paar Maschen versetzt.


Ich erinnere mich gut, dass ich den Pullover lange besaß. Ich habe ihn gern getragen. Er war schön warm, kratzte nicht und verlor auch nicht an Form nach dem Waschen. Trotzdem blieb er mein einzig aktives Kleidungsstück in Petrol. Das T-Shirt blieb ungenutzt im Schrank liegen; ich konnte es nicht gebrauchen. Woran lag's? An der Farbe.

So gut sie mir gefiel, so widerspenstig erwies sie sich in der Praxis. Was trägt man zu Petrol? Vielleicht Weiß? Zum Beispiel. Aber ein Winterpullover im schmuddeligen November mit einer weißen Baumwollhose? Passt nicht. Dann vielleicht eine schwarze Hose? Wäre gegangen, doch die besaß ich nicht. Damals trug ich fast ausschließlich Jeans, und die waren derzeit alle noch blau. Blieb nur noch meine ebenfalls – irgendwie – petrolfarbene Cordhose übrig. Das ging, das harmonierte, nur wiederum nicht mit dem viel zu luftigen T-Shirt. Doch immerhin, ein paar Jahre begleitete mich diese bewährte Kombi durch den Alltag. Als die Cordhose dann ihren Geist aufgegeben hatte, erfuhr der petrolfarbene Pullover eine Degradierung zur Heimklamotte. Zu Hause ist es ja egal, ob Oberteil und Unterteil hübsch zusammenpassen. Wärmen tat das Ding noch allemal gut.

Seitdem habe ich nie wieder irgendwas in Petrol besessen. Neulich, beim Aufräumen meiner alten Fotos, fiel es mir wieder ein. Wieso eigentlich nicht? Die Farbe mag ich noch immer leiden. Mittlerweile besitze ich sogar schwarze Hosen, die das Kombinationsproblem glatt überflüssig machen würden. Trotzdem, die Zeit ist irgendwie vorbei. So wie die Sache mit den Fledermausärmeln.

Einen Blick ins Netz konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Gibt es die Farbe überhaupt noch? Doch, Petrol gibt es noch, aber nur in der Modebranche. Das Wort wird ausschließlich als Farbbezeichnung für Kleidungsstücke gebraucht (oder bisweilen auch in der Innenraumausstattung). Aha. Wusste ich nicht. Die Farbnuancen, die dort als Petrol bezeichnet werden, reichen von hell bis dunkel. Etwa so:


Und wie heißt die Farbe sonst, wenn man sie nicht im Zusammenhang mit Textilien nennt?

Cyan.

Wie?

Cyan.

Mein Gott, wer sagt denn so was? Wie spricht man das überhaupt aus? Auch hier hilft das Netz. Spricht man es französisch aus, heißt es SSióhn, wählt man die englische Variante, kann man sich mit SSaën verständlich machen.

Mir war die Farbbezeichnung so oder so nicht geläufig. Wenn ich die Farbbeispiele, die mitgeliefert werden, betrachte, sehe ich auch nicht sonderlich viel Ähnlichkeit zum Petrol.

Dies hier soll Cyan sein:

 Morguefile

Petrol ist doch aber viel dunkler. Eher so:

 Morguefile

Schön, dass es noch eine sprachliche Alternative zum Cyan gibt. Das wäre dann Türkis.

Okay, Türkis kenn ich. Aber Türkis ist eben Türkis und ebensowenig Petrol, oder irre ich mich?

Die Bezeichnung Türkis verbinde ich zum Beispiel mit dem gleichnamigen Stein. Dort geht die Farbe eher in die Richtung Grün. Ein helles Grün mit wasserblauem Einschlag, auch zu überprüfen an ähnlich gelagerten Bildern von strandnahen Ferienparadiesen. Entschieden zu hell ist der Farbton aber nach wie vor,  meilenweit entfernt vom Petrol.

 cobalt123

 Morguefile

Andere Stellen verstehen unter Türkis ohnehin einen viel blaueren Einschlag. So wie hier:

 Morguefile

Ich gehöre dazu. Türkis ist viel mehr blau als grün. Eindeutig. Das war schon in den 80er Jahren so. Einen türkisfarbenen Pullover besaß ich nämlich auch. Ebenfalls selbst gestrickt. Diesmal – man höre und staune – ohne Fledermausärmel. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihn als helleren Bruder des petrolfarbenen Kollegen zu bezeichnen. Für mich waren (und sind) beides eigene Farben. 


Am Muster hatte ich lange gesessen. Ständig musste zum Farbwechsel der Faden verschränkt werden. Auf der Innenseite sah der Pullover aus wie ein unordentliches Knotensortiment. Der Untergrund war schwarz, darauf wechselten sich ab ein dunkles Taubenblau, Petrol und Türkis. Den Gesamteindruck empfand ich als Blau, deshalb trug ich meine Jeans dazu. Mit Petrol wäre das natürlich nie und nimmer gegangen.

Letzten Monat habe ich mir übrigens eine Bluse gekauft. Aus Leinen. Die Farbe: Wer hätte das gedacht ... Türkis. Aaah, es ist also doch nicht nicht ganz vorbei, das mit meiner Jugend.


Donnerstag, 26. April 2012

Die Technik macht's möglich:
Kunst ohne Künstler

Ich mag Fotos. Aber ich bin keine gute Fotografin. Und zeichnen oder malen kann ich auch nicht. Vielleicht gerade deshalb liebe ich die vielen Spielereien, die man heuzutage mit jedem x-beliebigen Bildbearbeitungsprogramm machen kann. Angeregt hat mich ein Beitrag von Klarissa. Sie berichtet auf ihrem Blog von ihren Experimenten mit dem Online-Bildbearbeitungsprogramm PicMonkey. Weil es kostenlos ist (bis auf paar Premium-Features) und ich für Neues immer zu haben bin, habe ich es natürlich sofort ausprobiert. Dies wiederum hat mich veranlasst, die einzelnen Möglichkeiten mit jenen zu vergleichen, die ich von meinen gewohnten Bildbearbeitungsprogrammen kenne.

Nun will ich hier keinen technischen Erfahrungsbericht schreiben á la Was geht, was geht nicht? Außerdem ist mir klar, dass wohl jeder, der am Monitor nicht nur seine Fotos sortiert, sondern sie seinen persönlichen Wünschen anpassen möchte, ein Lieblingsprogramm hat, das ihm dabei hilft. Bei vielen ist es sicherlich Photoshop oder Gimp, bei mir ist es PhotoFiltre. Ich liebe dieses Programm! Es ist einfach zu handhaben mit vielen interessanten Masken, Filtern und Brushes. In den letzten Jahren ist viel Neues dazugekommen. Obendrein ist es kostenlos.

Wenn ich einen schönen Rahmen brauche, erweist mir FotoSketcher sehr gute Dienste. Das Programm ist ebenfalls kostenlos, allerdings auf Englisch. Das macht aber nichts, weil man die Handhabung trotzdem auf Anhieb versteht.  Einige der Rahmen, die ihr gleich an den Bildern weiter unten sehen werdet, stammen von diesem kleinen, aber feinen Programm.

Für Kollagen nutze ich E.M. Free Photo Collage. Man kann es sich ebenfalls kostenlos aus dem Netz laden. Die Oberfläche ist auf Englich. Neben etlichen Masken, Texturen oder Rahmen (die ich in der Mehrzahl allerdings nicht so geschmackvoll finde), bietet die Oberfläche die tolle Möglichkeit, mehrere Bilder übereinander zu legen, und zwar so, dass der 3-D-Effekt erhalten bleibt. Das Ganze geht sogar mit transparentem Hintergrund. Ich bin begeistert.

Klarissas Anregung habe ich gern aufgenommen. Der Abend gestern war mit Experimentieren ausgefüllt. Die Möglichkeiten sind unendlich. Die Ergebnisse meines fröhlichen  Schaffens zeige ich euch an einigen ausgewählten Beispielen. Alle Bilder sind mit PhotoFiltre, PicMonkey, FotoSketcher oder E.M Free Photo Collage entstanden – oder aus einer Kombination untereinander.

Das Ausgangsfoto ist stets dasselbe, nämlich dieses wunderbare Foto mit dem herrlich blauen Himmel in der Dämmerung: 

 Morguefile
Ruckzuck lässt sich daraus lässt etwas Protziges für die Wand überm Sofa zaubern:


Der gleiche Filter noch einmal, nur diesmal in Schwarzweiß mit der Betonung auf dem kleinen blauen Fleck Himmel. Ohne den überladenen Rahmen wirkt das Motiv fast wie eine Prophezeihung kommenden Unglücks, oder nicht?


van Gogh gefällig? 


Uh, es hat geregnet, als unser Bus endlich ankam. Beschlagen waren die Fensterscheiben auch:


Gott sei Dank haben wir noch eine schöne Postkarte gefunden. Unsere Lieben zu Hause müssen doch wissen, was sie verpassen:


Zola lässt grüßen. Paris im 19. Jahrundert. Die unglückliche Liebe einer armen Verkäuferin zum alternden Bohème. So könnte die Illustration dazu aussehen:


Die Mappe eines Kunststudenten. Damit wird er um Aufnahme in die Akademie bitten:

 Ich liebe diese schwarz pointierten Konturen. Wie Comic soll es wirken, und es kommt auch fast so hin:


Wer es lieber wässrig mag, Drama kündigt sich an:


... oder nach Manier grausamer Andenkenläden: 


Da lob ich mir die Stunde Null. Graf Dracula bindet die Schleife seines Satin-Umhangs ...


Wer noch einmal davongekommen ist, darf sich freuen. Es bleibt genügend Zeit in Licht und Frieden, um sich in aller Ruhe über Nebensächlichkeiten zu echauffieren - wie dieser grüne Herr hier. Er wird mich umbringen, wenn er das sieht: 



Sonntag, 26. Februar 2012

Wie Weite mir Zeit schenkte

Ich lebe in Hannover. Wenn ich in den Zug steige, bin ich in 4 Stunden in München. Nach Frankfurt sind es 3 Stunden, und nach 1 ½ Stunden bin ich in Hamburg. Ist das schnell?
Vergleiche ich den Intercity mit der Postkutsche früherer Zeiten, dann muss die Antwort natürlich ja lauten. Heutzutage ist das, was früher eine mühsame Anreise war, oft nur noch zu einer unverbindlichen, da vorübergehenden Ortsverlagerung zusammengeschrumpft. Ich kann morgens um sechs hier losfahren, kann mir in München den Viktualienmarkt anschauen, den Tiergarten Hellabrunn besuchen, zwischendurch gemütlich was essen gehen und bin um Mitternacht wieder daheim, sofern ich am frühen Abend rechtzeitig den Zug zurück nehme. Ich brauche nicht einmal Gepäck mitzuschleppen, keine Zahnbürste und keinen Schlafanzug.
Doch würde ich dies auch tun? Wahrscheinlich nicht. Denn erstens kostet die Reise Geld – Geld, das mir im Verhältnis zur kurzen Ausbeute am Zielort zu teuer erscheint. Und zweitens empfinde ich den Aufwand dann doch als ein wenig zu groß für einen simplen Tagestripp. München liegt nun mal nicht um die Ecke, München liegt weit entfernt.
Wirklich? Weit entfernt? Ich hatte mir doch gerade selbst vorgerechnet, dass ich bequem eine Hin- und Rückfahrt schaffen würde, ohne auf die Nachtruhe im eigenen Bett verzichten zu müssen. Dennoch ist München in meinem Bewusstsein weit entfernt von Hannover. Woher kommt das?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich glaube nicht, dass unsere Vorstellung von Entfernung in erster Linie vom tatsächlichen zeitlichen Aufwand abhängt, den wir betreiben müssen, um einen Zielort zu erreichen, sondern unsere Vorstellung von Entfernung orientiert sich eng an unserem Wissen um geografische Dimensionen. Kurz gesagt: Je selbstverständlicher es uns erscheint, dass sich Stadt und Dorf ohne große Lücken aneinander reihen, und wir uns dies auch bildlich vorstellen können, weil wir den Atlas kennen, desto ungeduldiger sind wir, wenn sich unsere täglichen Bedürfnisse nicht zeitsparend im unmittelbaren räumlichen Speckgürtel befriedigen lassen, desto schneller ist „weit entfernt“ erreicht. Oder würden wir es als normal empfinden, als hannoverscher Bürger zum Erledigen unserer Bankgeschäfte nach Frankfurt zu fahren? Jedes Mal 3 Stunden hin, 3 Stunden zurück?
Ein Deutscher würde sagen: „Bist du bekloppt?“ – zumindest in Deutschland.
Wie rasch sich aber diese Einstellung ändern kann, habe ich am eigenen Leib erfahren. Der ausschlaggebende Punkt war wiederum mein Wissen um die geografischen Ausmaße, dieses Mal allerdings am anderen Ende des Spektrums. Diesmal ging es um Weite, nicht um Enge.
Ich war insgesamt drei Mal in Brasilien. Es ist schon länger her. Familiäre Verbindungen führten mich dorthin, genauer gesagt ins dörfliche Ambiente fernab der touristischen Trampelpfade.
Brasilien ist groß, vor allem wenn man bedenkt, dass fast nur die Ränder bewohnt sind. Der Rest sind das Amazonasgebiet und der gesamte Mittelteil. Auf dem Globus sieht alles so schön homogen aus. Fast könnte man an die USA denken, doch im Gegensatz zu den Nordamerikanern, die ihr Territorium flächendeckend besiedeln, ist der größte Teil Brasiliens unbewohnt. In der Landesmitte sind Plantagen: Mais, Soja, Orangen, Baumwolle, Tabak.
„Dort kann man tagelang fahren, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen“, hatte ein Einheimischer uns gesagt.
Ich hatte es zur Kenntnis genommen und war in den Reisebus gestiegen.
Wir waren soeben in Rio de Janeiro gelandet und wollten nun zu unseren Verwandten nach Minas Gerais fahren. Das übliche Verkehrsmittel in Brasilien ist der Überlandbus. Züge für den Personentransport gibt es nicht; wer Geld hat, nimmt das Flugzeug.  Die Busse sind gut: modern, bequem und klimatisiert. Die Straßen sind ebenfalls passabel, allerdings fehlen Autobahnen. Man reist auf Landstraßen. Aber dort dürfen die Busse nur 80 km/h fahren, obendrein ist es um Rio sehr bergig – wie man unten auf dem Foto sieht. Wer ins Hinterland will, muss erst einmal den Berggürtel überwinden. So tuckert der Bus die Serpentinen entlang und auf der anderen Seite wieder herunter. Für Zeit und Geschuckele entschädigt allerdings ein grandioser Blick. Auf Wolken mal nicht hinaufzuschauen, sondern auf sie herab, ist etwas, das einem das Herz überlaufen lässt.

JorgeBRAZIL

Minas Gerais ist der Bundesstaat direkt oberhalb Rio de Janeiros. Gut 300 km sind es von Rio bis zu unserem Städtchen. Viel gibt es in dieser Ecke nicht zu sehen aus dem Busfenster heraus. Grün ist es, sehr grün (zumindest im Winter) mit sanften Hügeln links und rechts und einem üppigen Baumbestand. Nur die rötliche Erde, die wir Mitteleuropäer eher mit Dürre verbinden, stört ein wenig den fruchtbaren Eindruck. Das Wetter ist mild, geradezu deutschwälderisch lieblich, ohne die drückende, feuchte Hitze der tropischen Küste. Irgendwann hält der Bus auf einem einfachen Busbahnhof und dann ist sie wieder da, die Zivilisation.
In unserem Städtchen bekam man alles, was man zum Leben braucht: Zwiebeln und Knoblauch aus dem eigenen Garten, Salat und Kohl gegen kleines Geld vom Nachbarn, Reis und Joghurt (zwei Sorten) aus dem Laden. Es gab ein Möbelgeschäft, ein Hotel, ein Krankenhaus (dessen Behandlung mal allerdings selbst zahlen musste), eine barocke Kirche, ein Gymnasium, ein paar einfache Kneipen und Restaurants. Am Wochenende traf sich die Jugend auf dem Marktplatz. Es wurde geredet und gelacht. Ein wenig abseits standen die Liebespärchen im Halbdunkel und knutschten keusch. Man tat gut daran, sich an die strengen moralischen Regeln zu halten.

Minas Gerais  Adam Jones, Ph.D.


Minas Gerais  alexandrepastre
Minas Gerais  Adam Jones, Ph.D.

Für mich als Gast aus dem gelobten Land Alemanha galten fast grenzenlose Sonderbedingungen. Ich durfte schauen und gucken und sogar alle möglichen Fettnäpfchen betreten. Mir passierte nichts – sie wusste es halt nicht besser. Die Toleranz, die mich umkuschelte, war bemerkenswert. Nur in einem hatte man mir nicht entgegenkommen können: in bürokratischen Dingen. So saßen wir zwar warm und trocken in unserem Feriendomizil, hatten aber bald kein Geld mehr zum Ausgeben.
Aus Sicherheitsgründen hatten wir nämlich Reiseschecks dabei. Die aber wollte uns, wie sich bald herausstellte, niemand einlösen. Die Bank im Ort nahm sie nicht an. Nach längerer Recherche erfuhren wir, dass es im gesamten Bundesstaat nur eine einzige Bankfiliale gäbe, die uns diesbezüglich behilflich sein würde, und die befände sich in der Landeshauptstadt Belo Horizonte.
Ich sage es noch einmal ganz langsam: Der Bundestaat Minas Gerais ist etwa so groß wie Frankreich (und hat obendrein fast die gleiche Form). 19 Millionen Menschen leben dort, aber es soll nur eine einzige Bank geben, die bereit wäre, unsere international anerkannten Reiseschecks anzunehmen?
Als ich dies hörte, war meine Reaktion erstaunlich gelassen. Belo Horizonte? Warum nicht? Dorthin fuhr doch ein Bus, sogar ohne umsteigen zu müssen. 143 km Luftlinie. Nur 3 Stunden hin, 3 Stunden zurück. Der Bus brauchte zwar ewig, bis er sich durch die Landschaft gezockelt hatte, und zwischendurch musste noch mehrmals gehalten werden, aber – hey! – 6 Stunden, das ist doch nichts. Schnell die Reiseschecks eingetauscht, noch ein wenig bummeln gegangen, und am Abend waren wir wieder zurück.
„Dort kann man tagelang fahren, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen“, hatte der Brasilianer gesagt.
Das war hängen geblieben. Und der große helle Fleck Brasilien auf dem Globus ebenfalls. So schnell wird aus Anspruch Gleichmut. 

Dienstag, 17. Januar 2012