Sonntag, 26. Februar 2012

Wie Weite mir Zeit schenkte

Ich lebe in Hannover. Wenn ich in den Zug steige, bin ich in 4 Stunden in München. Nach Frankfurt sind es 3 Stunden, und nach 1 ½ Stunden bin ich in Hamburg. Ist das schnell?
Vergleiche ich den Intercity mit der Postkutsche früherer Zeiten, dann muss die Antwort natürlich ja lauten. Heutzutage ist das, was früher eine mühsame Anreise war, oft nur noch zu einer unverbindlichen, da vorübergehenden Ortsverlagerung zusammengeschrumpft. Ich kann morgens um sechs hier losfahren, kann mir in München den Viktualienmarkt anschauen, den Tiergarten Hellabrunn besuchen, zwischendurch gemütlich was essen gehen und bin um Mitternacht wieder daheim, sofern ich am frühen Abend rechtzeitig den Zug zurück nehme. Ich brauche nicht einmal Gepäck mitzuschleppen, keine Zahnbürste und keinen Schlafanzug.
Doch würde ich dies auch tun? Wahrscheinlich nicht. Denn erstens kostet die Reise Geld – Geld, das mir im Verhältnis zur kurzen Ausbeute am Zielort zu teuer erscheint. Und zweitens empfinde ich den Aufwand dann doch als ein wenig zu groß für einen simplen Tagestripp. München liegt nun mal nicht um die Ecke, München liegt weit entfernt.
Wirklich? Weit entfernt? Ich hatte mir doch gerade selbst vorgerechnet, dass ich bequem eine Hin- und Rückfahrt schaffen würde, ohne auf die Nachtruhe im eigenen Bett verzichten zu müssen. Dennoch ist München in meinem Bewusstsein weit entfernt von Hannover. Woher kommt das?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich glaube nicht, dass unsere Vorstellung von Entfernung in erster Linie vom tatsächlichen zeitlichen Aufwand abhängt, den wir betreiben müssen, um einen Zielort zu erreichen, sondern unsere Vorstellung von Entfernung orientiert sich eng an unserem Wissen um geografische Dimensionen. Kurz gesagt: Je selbstverständlicher es uns erscheint, dass sich Stadt und Dorf ohne große Lücken aneinander reihen, und wir uns dies auch bildlich vorstellen können, weil wir den Atlas kennen, desto ungeduldiger sind wir, wenn sich unsere täglichen Bedürfnisse nicht zeitsparend im unmittelbaren räumlichen Speckgürtel befriedigen lassen, desto schneller ist „weit entfernt“ erreicht. Oder würden wir es als normal empfinden, als hannoverscher Bürger zum Erledigen unserer Bankgeschäfte nach Frankfurt zu fahren? Jedes Mal 3 Stunden hin, 3 Stunden zurück?
Ein Deutscher würde sagen: „Bist du bekloppt?“ – zumindest in Deutschland.
Wie rasch sich aber diese Einstellung ändern kann, habe ich am eigenen Leib erfahren. Der ausschlaggebende Punkt war wiederum mein Wissen um die geografischen Ausmaße, dieses Mal allerdings am anderen Ende des Spektrums. Diesmal ging es um Weite, nicht um Enge.
Ich war insgesamt drei Mal in Brasilien. Es ist schon länger her. Familiäre Verbindungen führten mich dorthin, genauer gesagt ins dörfliche Ambiente fernab der touristischen Trampelpfade.
Brasilien ist groß, vor allem wenn man bedenkt, dass fast nur die Ränder bewohnt sind. Der Rest sind das Amazonasgebiet und der gesamte Mittelteil. Auf dem Globus sieht alles so schön homogen aus. Fast könnte man an die USA denken, doch im Gegensatz zu den Nordamerikanern, die ihr Territorium flächendeckend besiedeln, ist der größte Teil Brasiliens unbewohnt. In der Landesmitte sind Plantagen: Mais, Soja, Orangen, Baumwolle, Tabak.
„Dort kann man tagelang fahren, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen“, hatte ein Einheimischer uns gesagt.
Ich hatte es zur Kenntnis genommen und war in den Reisebus gestiegen.
Wir waren soeben in Rio de Janeiro gelandet und wollten nun zu unseren Verwandten nach Minas Gerais fahren. Das übliche Verkehrsmittel in Brasilien ist der Überlandbus. Züge für den Personentransport gibt es nicht; wer Geld hat, nimmt das Flugzeug.  Die Busse sind gut: modern, bequem und klimatisiert. Die Straßen sind ebenfalls passabel, allerdings fehlen Autobahnen. Man reist auf Landstraßen. Aber dort dürfen die Busse nur 80 km/h fahren, obendrein ist es um Rio sehr bergig – wie man unten auf dem Foto sieht. Wer ins Hinterland will, muss erst einmal den Berggürtel überwinden. So tuckert der Bus die Serpentinen entlang und auf der anderen Seite wieder herunter. Für Zeit und Geschuckele entschädigt allerdings ein grandioser Blick. Auf Wolken mal nicht hinaufzuschauen, sondern auf sie herab, ist etwas, das einem das Herz überlaufen lässt.

JorgeBRAZIL

Minas Gerais ist der Bundesstaat direkt oberhalb Rio de Janeiros. Gut 300 km sind es von Rio bis zu unserem Städtchen. Viel gibt es in dieser Ecke nicht zu sehen aus dem Busfenster heraus. Grün ist es, sehr grün (zumindest im Winter) mit sanften Hügeln links und rechts und einem üppigen Baumbestand. Nur die rötliche Erde, die wir Mitteleuropäer eher mit Dürre verbinden, stört ein wenig den fruchtbaren Eindruck. Das Wetter ist mild, geradezu deutschwälderisch lieblich, ohne die drückende, feuchte Hitze der tropischen Küste. Irgendwann hält der Bus auf einem einfachen Busbahnhof und dann ist sie wieder da, die Zivilisation.
In unserem Städtchen bekam man alles, was man zum Leben braucht: Zwiebeln und Knoblauch aus dem eigenen Garten, Salat und Kohl gegen kleines Geld vom Nachbarn, Reis und Joghurt (zwei Sorten) aus dem Laden. Es gab ein Möbelgeschäft, ein Hotel, ein Krankenhaus (dessen Behandlung mal allerdings selbst zahlen musste), eine barocke Kirche, ein Gymnasium, ein paar einfache Kneipen und Restaurants. Am Wochenende traf sich die Jugend auf dem Marktplatz. Es wurde geredet und gelacht. Ein wenig abseits standen die Liebespärchen im Halbdunkel und knutschten keusch. Man tat gut daran, sich an die strengen moralischen Regeln zu halten.

Minas Gerais  Adam Jones, Ph.D.


Minas Gerais  alexandrepastre
Minas Gerais  Adam Jones, Ph.D.

Für mich als Gast aus dem gelobten Land Alemanha galten fast grenzenlose Sonderbedingungen. Ich durfte schauen und gucken und sogar alle möglichen Fettnäpfchen betreten. Mir passierte nichts – sie wusste es halt nicht besser. Die Toleranz, die mich umkuschelte, war bemerkenswert. Nur in einem hatte man mir nicht entgegenkommen können: in bürokratischen Dingen. So saßen wir zwar warm und trocken in unserem Feriendomizil, hatten aber bald kein Geld mehr zum Ausgeben.
Aus Sicherheitsgründen hatten wir nämlich Reiseschecks dabei. Die aber wollte uns, wie sich bald herausstellte, niemand einlösen. Die Bank im Ort nahm sie nicht an. Nach längerer Recherche erfuhren wir, dass es im gesamten Bundesstaat nur eine einzige Bankfiliale gäbe, die uns diesbezüglich behilflich sein würde, und die befände sich in der Landeshauptstadt Belo Horizonte.
Ich sage es noch einmal ganz langsam: Der Bundestaat Minas Gerais ist etwa so groß wie Frankreich (und hat obendrein fast die gleiche Form). 19 Millionen Menschen leben dort, aber es soll nur eine einzige Bank geben, die bereit wäre, unsere international anerkannten Reiseschecks anzunehmen?
Als ich dies hörte, war meine Reaktion erstaunlich gelassen. Belo Horizonte? Warum nicht? Dorthin fuhr doch ein Bus, sogar ohne umsteigen zu müssen. 143 km Luftlinie. Nur 3 Stunden hin, 3 Stunden zurück. Der Bus brauchte zwar ewig, bis er sich durch die Landschaft gezockelt hatte, und zwischendurch musste noch mehrmals gehalten werden, aber – hey! – 6 Stunden, das ist doch nichts. Schnell die Reiseschecks eingetauscht, noch ein wenig bummeln gegangen, und am Abend waren wir wieder zurück.
„Dort kann man tagelang fahren, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen“, hatte der Brasilianer gesagt.
Das war hängen geblieben. Und der große helle Fleck Brasilien auf dem Globus ebenfalls. So schnell wird aus Anspruch Gleichmut. 

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