Sonntag, 19. August 2012

Petrol - eher blau oder eher grün?


Pixabay: 1, 2, 3 , 4

In den 80er Jahren, als ich noch in hochhackigen Schuhen laufen konnte, ohne mir die Haxen zu brechen, war eine meiner Lieblingsfarben Petrol. Damals habe ich viel gestrickt. Wolle in Petrol gab es in allen möglichen Qualitäten, in Mohair, in Baumwolle oder in Alpaka. Ich besaß ein dünnes, langarmiges T-Shirt in Petrol, natürlich mit den unvermeidlichen Fledermausärmeln, die damals zu jedem gehobenen Modegeschmack gehörten, und ein ebensolches Gegenstück aus Schurwolle. Es hatte ebenfalls Fledermausärmel, obwohl man es auf dem Foto hier unten nicht recht sieht. Gestrickt worden war der Pullover in nur zwei Teilen (nicht wie sonst in vier), nämlich in Vorderseite und Rücken. Man fing an einem Ärmel an und arbeitete sich schräg zum andern Bündchen vor. Das Muster, eine Art gedrehtes Wurstdesign, wurde dabei immer um ein paar Maschen versetzt.


Ich erinnere mich gut, dass ich den Pullover lange besaß. Ich habe ihn gern getragen. Er war schön warm, kratzte nicht und verlor auch nicht an Form nach dem Waschen. Trotzdem blieb er mein einzig aktives Kleidungsstück in Petrol. Das T-Shirt blieb ungenutzt im Schrank liegen; ich konnte es nicht gebrauchen. Woran lag's? An der Farbe.

So gut sie mir gefiel, so widerspenstig erwies sie sich in der Praxis. Was trägt man zu Petrol? Vielleicht Weiß? Zum Beispiel. Aber ein Winterpullover im schmuddeligen November mit einer weißen Baumwollhose? Passt nicht. Dann vielleicht eine schwarze Hose? Wäre gegangen, doch die besaß ich nicht. Damals trug ich fast ausschließlich Jeans, und die waren derzeit alle noch blau. Blieb nur noch meine ebenfalls – irgendwie – petrolfarbene Cordhose übrig. Das ging, das harmonierte, nur wiederum nicht mit dem viel zu luftigen T-Shirt. Doch immerhin, ein paar Jahre begleitete mich diese bewährte Kombi durch den Alltag. Als die Cordhose dann ihren Geist aufgegeben hatte, erfuhr der petrolfarbene Pullover eine Degradierung zur Heimklamotte. Zu Hause ist es ja egal, ob Oberteil und Unterteil hübsch zusammenpassen. Wärmen tat das Ding noch allemal gut.

Seitdem habe ich nie wieder irgendwas in Petrol besessen. Neulich, beim Aufräumen meiner alten Fotos, fiel es mir wieder ein. Wieso eigentlich nicht? Die Farbe mag ich noch immer leiden. Mittlerweile besitze ich sogar schwarze Hosen, die das Kombinationsproblem glatt überflüssig machen würden. Trotzdem, die Zeit ist irgendwie vorbei. So wie die Sache mit den Fledermausärmeln.

Einen Blick ins Netz konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Gibt es die Farbe überhaupt noch? Doch, Petrol gibt es noch, aber nur in der Modebranche. Das Wort wird ausschließlich als Farbbezeichnung für Kleidungsstücke gebraucht (oder bisweilen auch in der Innenraumausstattung). Aha. Wusste ich nicht. Die Farbnuancen, die dort als Petrol bezeichnet werden, reichen von hell bis dunkel. Etwa so:


Und wie heißt die Farbe sonst, wenn man sie nicht im Zusammenhang mit Textilien nennt?

Cyan.

Wie?

Cyan.

Mein Gott, wer sagt denn so was? Wie spricht man das überhaupt aus? Auch hier hilft das Netz. Spricht man es französisch aus, heißt es SSióhn, wählt man die englische Variante, kann man sich mit SSaën verständlich machen.

Mir war die Farbbezeichnung so oder so nicht geläufig. Wenn ich die Farbbeispiele, die mitgeliefert werden, betrachte, sehe ich auch nicht sonderlich viel Ähnlichkeit zum Petrol.

Dies hier soll Cyan sein:

 Morguefile

Petrol ist doch aber viel dunkler. Eher so:

 Morguefile

Schön, dass es noch eine sprachliche Alternative zum Cyan gibt. Das wäre dann Türkis.

Okay, Türkis kenn ich. Aber Türkis ist eben Türkis und ebensowenig Petrol, oder irre ich mich?

Die Bezeichnung Türkis verbinde ich zum Beispiel mit dem gleichnamigen Stein. Dort geht die Farbe eher in die Richtung Grün. Ein helles Grün mit wasserblauem Einschlag, auch zu überprüfen an ähnlich gelagerten Bildern von strandnahen Ferienparadiesen. Entschieden zu hell ist der Farbton aber nach wie vor,  meilenweit entfernt vom Petrol.

 cobalt123

 Morguefile

Andere Stellen verstehen unter Türkis ohnehin einen viel blaueren Einschlag. So wie hier:

 Morguefile

Ich gehöre dazu. Türkis ist viel mehr blau als grün. Eindeutig. Das war schon in den 80er Jahren so. Einen türkisfarbenen Pullover besaß ich nämlich auch. Ebenfalls selbst gestrickt. Diesmal – man höre und staune – ohne Fledermausärmel. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihn als helleren Bruder des petrolfarbenen Kollegen zu bezeichnen. Für mich waren (und sind) beides eigene Farben. 


Am Muster hatte ich lange gesessen. Ständig musste zum Farbwechsel der Faden verschränkt werden. Auf der Innenseite sah der Pullover aus wie ein unordentliches Knotensortiment. Der Untergrund war schwarz, darauf wechselten sich ab ein dunkles Taubenblau, Petrol und Türkis. Den Gesamteindruck empfand ich als Blau, deshalb trug ich meine Jeans dazu. Mit Petrol wäre das natürlich nie und nimmer gegangen.

Letzten Monat habe ich mir übrigens eine Bluse gekauft. Aus Leinen. Die Farbe: Wer hätte das gedacht ... Türkis. Aaah, es ist also doch nicht nicht ganz vorbei, das mit meiner Jugend.